• vom 04.07.2017, 16:18 Uhr

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Update: 11.07.2017, 16:54 Uhr

Sedlaczek am Mittwoch

Deutsch können und Deutsch lehren




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Eine Website des Österreichischen Integrationsfonds strotzt vor Fehlern. Aber es muss gegendert werden...

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka. Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Unlängst finde ich in einer Tageszeitung eine Anzeige mit dem Titel "Deutsch lernen - Österreich verstehen". Der Österreichische Integrationsfonds (ÖIF) wirbt für seine Website sprachportal.at, die für Flüchtlinge und Zuwanderer Materialien wie Online-Videos und Podcasts anbietet, auch in Farsi und in Arabisch. Das ist zweifellos ein lobenswertes Unterfangen. Aber merkwürdig ist der Slogan, mit dem das Vorhaben propagiert wird: "Jetzt rein schauen, Deutsch lernen und mehr über Österreich erfahren!"

Da machen also Leute für Deutschkurse Reklame, die in der Rechtschreibung nicht sattelfest sind. Sie schreiben "rein schauen" getrennt, vermutlich nach dem Muster "dumm dreinschauen". In der Tat ist reinschauen eine aus der norddeutschen Umgangssprache stammende Version von standardsprachlich "hineinschauen", und nach den Rechtschreibregeln schreibt man das Adverb und das Zeitwort zusammen, was denn sonst? Die Zusammenschreibung gilt für alle Wörter dieser Art: hineinbringen, hineinfinden, hineingehen, hineinkommen etc.

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Ich rufe die Website auf, blättere die Angebote durch und stoße auf den nächsten Fehler. "Rufen Sie Prüfungstermine in ganz Österreich ab und melden Sie gleichzeitig zu einer ÖIF-Prüfung an." Das steht dort wirklich so. Nicht "melden Sie sich zu einer Prüfung an", sondern "melden Sie zu einer Prüfung an"! Offensichtlich will man den Flüchtlingen keine reflexiven Zeitwörter zumuten.

Das Gendern allerdings schon. Im Inserat heißt es: "Flüchtlinge und Zuwander/innen können mit Videos und Online-Übungen zu Alltag und zu Werten in Österreich ihre Deutschkennnisse verbessern .. ." Das ist erstens grammatikalisch und stilistisch eine Katastrophe. Kann man das wirklich sagen? "Ich schaue mir ein Video zu Alltag in Österreich an!" Oder: "Ich mache eine Online-Übung zu Werten in Österreich!"

Zweitens frage ich mich, warum man Flüchtlinge und Zuwanderer mit der Gender-Problematik befassen muss. Auch Sebastian Kurz, Bundesminister für Europa, Integration und Äußeres, tut das in einem auf der Website abrufbaren Geleitwort: "Wer in Österreich seinen Weg machen und etwas leisten will, braucht dazu die deutsche Sprache. Mit Kolleg/innen im Job, mit Bekannten im Verein oder mit Freund/innen ins Gespräch zu kommen, ist eine Basis dafür, wirklich in Österreich anzukommen." Wer schon meint, unbedingt gendern zu müssen, sollte richtig gendern. Zum Basiswissen des Genderns gehört, dass bei Weglassen des Schrägstriches die übrig bleibende Form ein korrektes Wort ergeben muss. Machen wir also die Weglassprobe bei diesen Beispielen: "die Zuwander/innen" ergibt bei Weglassung des Schrägstriches "die Zuwander" (geht nicht, es heißt "die Zuwanderer") und "die Zuwanderinnen" (geht); "mit den Kolleg/innen" ergibt "mit den Kolleg" (geht nicht, es heißt "mit den Kollegen") und "mit den Kolleginnen" (geht); "mit den Freund/innen" ergibt "mit den Freund" (geht nicht, es heißt "mit den Freunden") und "mit den Freundinnen" (geht).

Wer noch nicht gut Deutsch kann, muss angesichts des falschen Genderns verzweifeln. Aber

könnten nicht Gender-Fans in solchen Fällen auf das Gendern überhaupt verzichten?




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-04 16:24:05
Letzte nderung am 2017-07-11 16:54:07



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