• vom 06.07.2017, 16:54 Uhr

Glossen


Fremdsprachen

Habla English?




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Von Claudia Aigner

  • Kunstsinnig
  • Auf diese Frage könnte man auf einem Madrider Polizeirevier die Antwort kriegen: "Ja, aber erst morgen wieder. Ab neun." (Natürlich auf Spanisch.)



Jetzt war ich also eine Woche weg. Mit der Henriette, dem Hans und der Eva. Und hatte in der Fremde die ganze Zeit dieses Lied aus der Heimat im Ohr (oder eigentlich kenn ich bloß den Refrain): "Du vastehst mi ned,/ du vastehst mi ned,/ mir kummt sogoa vua,/ du huachst goa ned zua./ Du schaust nur bled,/ jo, du schaust nur bled . . ." Austropop. Ambros.

So unverstanden wie in Madrid hab ich mich jedenfalls zuletzt in . . . ach, in der Pubertät gefühlt? Falsch. In Miami! Blöd, wenn die Ortsansässigen nicht die einzige Fremdsprache beherrschen, die man in der Schule gelernt hat. Hochdeutsch? Nein, die andre einzige. Sprechen doch sowieso alle Englisch, hab ich gedacht. Tja, die Spanier aber offensichtlich nicht. Die sprechen . . . Spanisch. Da hätten wir ja gleich nach Miami fliegen können. Weil dort hab ich genau dieselben Probleme gehabt. ("Wieso reden de olle nur Spanisch? Do hätt i jo glei noch Madrid fliag’n kennan.") Okay, die Kellnerinnen können wenigstens Bayrisch. Hans (Exilbayer in Wien): "Und an letscherten Kaffee." - "Un café con leche, sí." Eine Melange?

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Bereits am ersten Abend sind wir beklaut worden. In der Metro. Der Henriette hat nach der verdächtig intimen Begegnung mit einer dicken Frau das Handy gefehlt, beim Hans war nach einem ebenso "kuscheligen" Rendezvous mit derselben kontaktfreudigen Dame das Börsel weg. Zum Glück hatte ich einen Sprachführer dabei: "Sätze und Wörter für alle typischen Reisesituationen." Wo ist das nächste Polizeirevier? "Dónde está la comisaría más cercana?" Die Antwort haben wir halt leider nicht verstanden. Tage später . . . Scherz beiseite. Stunden später haben wir die Policía endlich, total erschöpft, gefunden. Ich möchte anzeigen: "Quiero denunciar." Einen Diebstahl: "Un robo." Telefon: "teléfono." Portemonnaie: "monedero." Dann waren wir mit unserem Spanisch am Ende. Sprach denn gar kein Polizist in Madrid Inglés? Doch. Schon. Ein Beamter hat auf einen Zettel mit einer Telefonnummer gezeigt. Dort könne die Henriette anrufen. "Mañana." (Morgen.) Von neun bis 21 Uhr. (Na ja, vielleicht nicht die Henriette. Die besaß ja nix mehr, womit sie hätte telefonieren können.) He, praktisch. Für die Verbrecher. Wenn sie bis 21 Uhr warten und ihre Opfer Touristen sind, gibt’s erst am nächsten Tag eine Täterbeschreibung.

Plötzlich war da ein netter junger Polizist: "Good evening." Juhuu! (Die andern drei waren eh auch nett. Halt auf Spanisch.) Geduldig hat er die Henriette und den Hans auf Englisch befragt und ein Protokoll getippt. Auf Spanisch. Zurück in Wien hat die Henriette, um ihre eigene Aussage zu verstehen, wiederum ein Online-Wörterbuch konsultieren müssen, das einem sogar ganze Sätze übersetzt. "Le pareció gitana rumana: Sie hat ihm wie rumänische Zigeunerin geschienen." (Warum "ihm"? Ihr! Der Henriette!) "Des konn i meiner Versicherung unmöglich schicken. De erstatten glei selber Anzeige. Gegen mi. Wegen rassistischer Verhetzung. Dabei hob i des sicha nie g’sogt: ,Romanian Gipsy.‘ ,Roma‘, höchst’ns. Oba so deutlich a wieder ned." Pech. Ihre Unterschrift war darunter. Die Diebstahlsanzeige war quasi ein Geständnis. "Scho allan, doss i de überhaupt angezeigt hob, wirkt jetzt auf amoi wie a Hassverbrechen."

In Zukunft wird sie ihre Wertsachen bestimmt sicherer verwahren. Ich werde meine . . . verschlucken.




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Dokument erstellt am 2017-07-06 17:00:08



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