• vom 15.07.2017, 17:00 Uhr

Glossen


Glosse

Ansichtskarten-Revival




  • Artikel
  • Kommentare (3)
  • Lesenswert (8)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Irene Prugger




    Die österreichischen Postkästen gehörten jahrzehntelang zu jenen Gegenständen im öffentlichen Raum, die mir ein schlechtes Gewissen verursachen konnten, schlimmer noch als Beichtstühle es je vermocht hätten. Das signalhafte Gelb hatte eindeutigen Aufforderungscharakter: Es wird Zeit, dass du den Brief von Onkel Erwin und Tante Agnes endlich beantwortest!

    Information

    Irene Prugger, geboren 1959 in Hall, lebt als Autorin und freie Journalistin in Mils in Tirol.

    Als Österreich 1990 ans Internet angeschlossen wurde, stellte die halbe Nation den Briefverkehr ein und stieg aufs Mailen um, sodass ab Mitte der 2000er Jahre die Post viele der gelben Kästen abmontierte, unter anderem auch den bei meinem Lebensmittelhändler um die Ecke. War das ein Aufatmen! Endlich wieder einkaufen gehen, ohne ständig an Schreibversäumnisse erinnert zu werden! Ich schrieb nur mehr ab und zu ein paar Ansichtskarten aus dem Urlaub und irgendwann hörte sich auch das auf, weil sich die Urlaubsgrüße bequemer per Handy übermitteln lassen.

    Nun aber wird alle paar Jahre in den Medien das Revival der Ansichtskarte ausgerufen und weckt Begehrlichkeiten bei den Daheimgebliebenen. Statt: "Meld dich mal aus dem Urlaub!" heißt es jetzt: "Schreib uns doch eine Karte!" Und so gähnt dich irgendwo im Ausland urlaubsträge ein Postkastenschlitz an, den du zuerst erfolgreich zu ignorieren versuchst. Aber dann stehst du doch im nächsten Dorf vor einem Drehständer mit hundert Ansichtskarten, auf denen fast nur Blau zu sehen ist. Zwischen dem Blau des Himmels und dem Blau des Meeres machst du die geringen Unterschiede aus und versuchst, die hübschesten Ansichten zu finden: Strand mit Felsen rechts, Strand mit Felsen links, einsamer Strand, Flachstrand . . .

    Hast du endlich die schönsten Karten gefunden, kommt die nächste Herausforderung: Ein paar Zeilen Urlaubsgrüße so wenig banal wie möglich zu formulieren. Niemand glaubt, wie schwer sich Menschen, die Schreiben zu ihrem Beruf gemacht haben, damit tun können. Nicht einmal die Aussicht auf das richtige Meer kann dabei helfen.

    Hast du es endlich geschafft und die Marken aufgeklebt, kommt die schwierigste Übung, denn plötzlich ist weit und breit kein Postkasten mehr zu finden und das nächste Postamt hat geschlossen. Die Ansichtskarten begleiten dich nun durch den halben Urlaub. Bei der Heimreise gelingt es dir endlich, sie am Flughafen aufzugeben und es kann gut sein, dass deine Ansichtskarten im selben Flugzeug mitfliegen. Selbst wenn das der Fall ist, werden sie jedoch nicht vor dir ankommen.

    Wenn du schon nicht mehr daran denkst, halten dir Freunde deine Karte vor die Nase und sagen, diese sei heute eingetroffen. Wegen der Verzögerung hat der schriftliche, überaus originell formulierte Gruß für sie kaum noch Bedeutung. Aber du schaust auf das Blau des Meeres und erlebst einen Moment glücklicher Urlaubserinnerung.





    3 Leserkommentare




    Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


    captcha Absenden

    * Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-07-14 13:48:05
    Letzte ńnderung am 2017-07-14 14:44:40



    Beliebte Inhalte

    Meistgelesen
    1. Wer es sich nicht leisten kann, zahlt mehr dafür
    2. Brauchen wir schön langsam ein Täterschutz- Programm?
    3. Mit Rasanz in die Sackgasse
    4. Papier schafft Vertrauen
    5. Das Gute und das Bürgerliche
    Meistkommentiert
    1. Wer sich empört, lebt verköhrt
    2. Mit Rasanz in die Sackgasse
    3. Wer es sich nicht leisten kann, zahlt mehr dafür
    4. Fest der Ängstlichen
    5. Bitte wischen!

    Werbung




    Werbung


    Werbung