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Update: 17.07.2017, 16:15 Uhr

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Damenbad




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Von Andreas Wirthensohn




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    Andreas Wirthensohn, geb. 1967, ist freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker; lebt in München.

    Neulich war ich in Freiburg. Dieses hübsche Städtchen hat einen grünen Oberbürgermeister, eine renommierte Universität, viele Besucher aus der Schweiz (mit starken Fränkli in der Tasche) und einen Fußballklub, der mit Freude seinen Ruf als gallisches Dorf gegen die Kommerzialisierung dieser Sportart pflegt. Die Menschen tragen gerne Outdoorkleidung und Barfußschuhe, an den roten Ampeln bitten Jongleure um eine milde Gabe, und auch sonst ist hier das "alternative" Milieu reichlich zuhause. Und es gibt in Freiburg das Lorettobad, das - einzigartig in Deutschland - über ein eigenes Damenbad verfügt. Männer müssen hier draußen bleiben, nicht nur an einzelnen Tagen, sondern aus Prinzip.

    Meist funktioniert das ganz gut. Vor Ewigkeiten klagte einmal ein Jusstudent dagegen, weil er sich angeblich diskriminiert fühlte, allerdings ohne Erfolg. Unter den Damen kommt es allerdings vermehrt zu Reibereien, weil die einen möglichst wenig Kleidung tragen möchten, andere dagegen nur in Burkinis gehüllt ins Wasser steigen. Der multikulturelle Alltag ist nicht ganz so einfach, wie man in Freiburg gerne glaubt. Nun aber gibt es neuen Zündstoff: Eine Studentin hat eine Online-Petition gestartet, die sich gegen den Einsatz männlicher Bademeister wendet, damit würden sich viele Frauen unwohl fühlen. Das Problem: Es gibt viel zu wenig weibliche "Badewaschl", ohne Männer müsste das Bad schließen.

    Ich muss gestehen, dass ich beim Baden eigentlich gegen jede Ausschließeritis bin. Ein öffentliches Freibad ist ein Spiegel der Gesellschaft, und diese Gesellschaft ist nun einmal recht vielfältig. Wer’s gern getrennt hat, soll in private Plantschclubs gehen. Ansonsten aber gilt: In Badebekleidung sind zwar beileibe nicht alle gleich, aber Extraschwimmwürste gibt es nicht.

    Als ich allerdings dieser Tage in meinem Stammbad weilte, dem "Sommerbad Georgenschwaige", ertappte ich mich bei dem Gedankenspiel, wen ich durchaus von hier verbannen würde (wenn ich könnte). Etwa Menschen mit Tätowierungen, die zwei cm2 Hautfläche überschreiten. Neulich grinste mir aus einem Dekolleté ein Totenkopf entgegen. Oder Sportschwimmer, die sich selbst bei 24 Grad Wassertemperatur angeberisch in ihren super edlen Neoprenanzug zwängen, nur um anschließend das Becken in ein Wellenbad zu verwandeln. Oder Seniorinnen, die fröhlich schwatzend bojenartig durchs Wasser treiben und das halbe Becken blockieren. "Sie duschen mich immer so ab", schimpfte neulich eine Aquajoggerin, als ich sanft kraulend an ihr vorbeizog. Dir, dachte ich im Stillen, sollte man wirklich Badeverbot erteilen. Lebenslang und überall. Sogar im Damenbad.

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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-07-14 13:54:06
    Letzte Änderung am 2017-07-17 16:15:42



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