• vom 19.08.2017, 11:00 Uhr

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Grußrituale




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Von Andreas Wirthensohn


    Andreas Wirthensohn, geboren 1967, ist freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

    Andreas Wirthensohn, geboren 1967, ist freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München. Andreas Wirthensohn, geboren 1967, ist freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

    Sommerzeit ist Wanderzeit. Und Wanderzeit ist Grüßenszeit. Denn anders als am Isarufer in München oder im Wiener Augarten gehört es in den Bergen oder in deutschen Mittelgebirgen zum guten Ton, andere Zeitgenossen, die einem fröhlich wandernd begegnen, freundlich zu grüßen.

    Ein Freund von mir meinte jüngst empört, er halte das für eine Zumutung, ihm sei das viel zu anstrengend, ständig gegenüber Wildfremden Vertrautheit zu heucheln. Ich hingegen gehöre zu den Gerngrüßern, die sich auch von solchen Grüßmuffeln die Laune nicht verderben lassen. Allerdings ist es durchaus ratsam, beim Grüßen die Gesamtsituation im Auge zu behalten. Ab tausend Höhenmetern gilt bekanntlich gemeinhin die Duz-Regel: also ein vertrautes "Griaß di!" statt des förmlichen "Grüß Gott!" oder des piefkeesken "Guten Tag!".

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    Wem das zu intim ist, für den bieten ein alpines "Servus!" oder das etwas schlappe, aber stets unverfängliche "Hallo!" einen gangbaren Mittelweg zwischen Duzen und Siezen. Allerdings sorgte ich dieser Tage im ausgeprägt konfessionslosen Osten Deutschlands für gewisse Irritationen, als ich mit meinem süddeutschen "Grüß Gott!" auf den Lippen durch die Sächsische Schweiz stapfte. "Den gibt’s hier ni!", sächselte mir ein älterer Herr fast schon feindselig zu, woraufhin ich ob dieses interkulturellen Fehltritts kurz errötete und mich fortan mit einem preußisch strammen "Tach!" begnügte.

    Mit besonderer Vorliebe grüße ich Menschen, die so wirken, als wollten sie auf keinen Fall angesprochen werden, und starr geradeaus oder gar zur Seite blickend an einem vorbeihasten. Mein betont lautes Hallo hat dann etwas durchaus Didaktisches an sich und soll signalisieren: Hab’ dich nicht so, du misanthroper Fußgänger, dir fällt kein Zacken aus deiner hochnäsigen Krone, wenn du zumindest höflich nickst! Wobei ich gestehen muss, dass auch mich bei einer bestimmten Personengruppe eine gewisse Menschenfeindlichkeit übermannt: Mountainbikern, die auf Wanderern vorbehaltenen Wegen unterwegs sind, werfe ich allenfalls ein gehässiges "Hallo!" zu, das stark nach "Schleich di!" klingt.

    An die Grenzen meiner Grüßfähigkeit brachten mich allerdings in diesem Frühjahr die Franzosen. Dieses gemeinhin unterschätzte Wandervolk veranstaltet gerne regionale Volkswandertage, und so kamen uns eines Sonntags auf den (nicht besonders imposanten) Höhen des Burgund grüppchenweise gefühlt Hunderte von Marschierern entgegen. Alle schmetterten mir ein freundliches "Bonjour!" entgegen, das ich anfangs nur zu gern erwiderte. Irgendwann aber konnte ich nicht mehr. Und schlug mich in die Büsche, um dieser Grußorgie ein Ende zu machen.




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    Dokument erstellt am 2017-08-17 17:55:18



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