• vom 27.08.2017, 11:00 Uhr

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Bereit für’s Mammut




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Von Matthias G. Bernold


    Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

    Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien. Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

    Unsere Vorvorväter sind zu bedauern. Ich sehe sie vor mir, diese schlurfenden, Schlafmangel-geplagten Helden, wie sie tragisch und behaart ihre Kindskarren durchs finstere, steinzeitliche Unterholz schleifen - lange bevor es Räder gab, Coffee-to-Go und Spieluhr-Plüschtiere. Vielleicht schleppten sie ihre schlafenden Sprösslinge in Fellen oder Fasern, die ihnen zuvor unsere Ururgroßmütter um die Körper gewickelt hatten: "Pass diesmal besser auf, dass der Kleine die Socken nicht verliert!" So zogen sie los, immer in Sorge, dass der Nachwuchs sich nicht verkühle oder im falschen Moment zu krähen begänne, auf dass ihn das nächste mordlustige Mammut mit rauem Rüssel raube.

    Fast noch ärmer dran waren Väter im vergangenen Jahrhundert. Zwar lauerten jetzt keine Mammuts oder Säbelzahntiger hinter der nächsten Ecke. Zwar waren die repräsentativen Kinderwagen jetzt so komfortabel, dass der Nachwuchs dahinglitt wie einst Gottkönig Dareios auf seiner Sänfte aus Mirabellenholz.

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    Aber diese unendliche Langeweile! Bis in die 1990er Jahre mussten Väter die Spaziergänge mit ihren Kindern ohne Smartphone, elektronische Bücher oder Podcasts besorgen! Manchmal hatten sie vielleicht eine Tageszeitung dabei, aber die lockte den Wind zum heimtückischen Spiel.

    Es ist schwer abzuschätzen, was diese totale Leere des stundenlangen Durch-den-Park-Streunens mit unseren Vätern gemacht hat. Ganz zu schweigen von den Schwierigkeiten, in eine strikt weibliche Domäne vorzudringen. Wenn er das Türchen ins Spielgehege öffnete: argwöhnische Blicke. Auch beim Babyschwimmen, Mutter-Kind-Yoga und in der Kindergarten-Eingewöhnungsphase blieb er ein kaum akzeptierter Exote.

    Alle dies gehört glücklicherweise der Vergangenheit an. Behaarte wie unbehaarte Väter, die sich aktiv der Aufzucht ihrer Kinder widmen, sind gesellschaftlich weitgehend akzeptiert. Und wenn sie auf Ablehnung stoßen, stöpseln sie die Ohren zu und ziehen sich einen richtig guten Podcast rein.

    Meine erste Wahl zur Zeit sind übrigens: Survival-Podcasts. Hier diskutieren - zumeist - Männer, wie sie unter schwierigsten Bedingungen mit primitivsten Methoden überleben: aus Tannenästen Unterschlupf bauen, eine Feuerstelle nach Dakota-Art graben, Fische über dem eigenen Feuer räuchern oder die richtige Stahlsorte für das Überlebensmesser wählen.

    Während ich den Kinderwagen durch den Park schiebe, imaginiere ich mich so in ferne Welten zu unwirtlichen Plätzen, bis mir eine wohlige Gänsehaut den Rücken krault.

    Noch einen höchst positiven Effekt hat das Ganze: Falls einmal ein räuberisches Mammut hinter dem nächsten Kastanienbaum lauert: Ich bin bereit.




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    Dokument erstellt am 2017-08-25 15:09:08



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