• vom 29.08.2017, 16:43 Uhr

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Update: 30.08.2017, 13:09 Uhr

Sedlaczek

Der Sommer geht dem Ende zu, es herbstelt




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Vielleicht ist der Wohlklang der Wörter doch wichtiger, als die Sprachbeobachter bisher geglaubt haben.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka. Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Unlängst habe ich mich an dieser Stelle mit der Frage beschäftigt, warum in Österreich die Form Wissenschafter recht häufig ist, während es in Deutschland nur Wissenschaftler gibt. Um es kurz zusammenzufassen: Wissenschafter ist laut grimmschen Wörterbuch die ältere Form, und Wissenschaftler war zunächst abwertend. Aber schon zu Zeiten der Brüder Grimm hat Wissenschaftler den abwertenden Charakter verloren und ist zur Normalform geworden. Österreich hat diese Entwicklung nicht voll mitgemacht. In Österreich ist
Wissenschafter noch immer in Gebrauch.

Einen ÖGB-Funktionär nennen wir Gewerkschafter. Gewerkschaftler ist bei uns abwertend, in Deutschland hingegen nicht mehr. Andere Länder, andere Sprachsitten. Im gesamten deutschen Sprachraum gilt Gewinnler als abwertend, Gewinner nicht. Ein Genossenschafter wäre mit Recht beleidigt, würden wir ihn als Genossenschaftler bezeichnen.


Mein Beitrag hat viele Reaktionen von Lesern ausgelöst. Einige meinten, dass Wörter mit -"l"-Einschub besser klingen als jene ohne "l". So schrieb WZ-Leser Roland Beier: "Bei mir drängt sich die Frage auf, ob das ,l‘ nicht aufgrund des davorstehenden ,t‘ eingeschoben wird." Dadurch sei das Wort leichter auszusprechen. Ähnlich argumentierte Heri Purtscher. Für Personen mit Sprachgefühl würde Wissenschaftler einfach besser klingen - hier gehe es um Euphonie. Linguisten bezeichnen mit diesem Begriff Lauteinschübe, die einen Wohlklang herbeiführen. So wird das "t" in "hoffen-t-lich" nur aus Gründen des guten Klangs und zur Erleichterung der Aussprache eingeschoben. Im Wort Dirn-d-l fügen wir ein "d" ein, eigentlich wäre Dirnl, also Dirn mit der Verkleinerungsendung "l", zu erwarten. Ein weiteres Beispiel ist das "n" in Wörtern wie "amerika-n-isch"; es dient dazu, die Aufeinanderfolge von zwei Vokalen zu vermeiden.

Im österreichischen Deutsch wird in vielen Fällen auch das Fugen-s dort verwendet, wo es in Deutschland unterbleibt. Im Bahnbereich gibt es viele derartige Wörter: von Zugsabteil und Zugsunglück bis zu Bahnhofsbuffet und Gepäcksaufbewahrung. Wir sagen Aufnahmsprüfung, Fabriksgebäude, Spitalsarzt/ärztin und Gelenksentzündung.
Die Deutschen verzichten in all diesen Fällen auf das Fugen-s.

Aber es gibt auch Ausnahmen. In Österreich heißt es Adventkalender und Tabakbeutel. Auch die Namenstage von Heiligen werden bei uns nicht mit dem Fugen-s gebildet, sondern mit dem lateinischen Genitiv-i: Josefitag in Österreich versus Josefstag in Deutschland. Bald essen wir ein Martinigansl, die Deutschen eine Martinsgans.

Heri Purtscher weist auch auf die "l"-Einschübe bei Verben hin. In Österreich sagen wir: "Der Sommer geht dem Ende zu, es herbstelt." Die Deutschen hingegen: ". . . es herbstet." Wenn ein Fußballer mit dem Kopf den Ball spielt, sagen wir:
"Er köpfelt den Ball." Die Deutschen: "Er köpft den Ball."

Es kann sein, dass aufgrund dieser sprachlichen Besonderheiten im österreichischen Deutsch vielen der Wissenschaftler sympathischer ist als der Wissenschafter. Der Wohlklang der Wörter scheint in diesen Fällen wichtiger zu sein, als die Sprachbeobachter bisher geglaubt haben.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-29 16:48:05
Letzte ńnderung am 2017-08-30 13:09:05



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