• vom 03.09.2017, 11:00 Uhr

Glossen


Glossen

Krieg den Schnecken!




  • Artikel
  • Kommentare (3)
  • Lesenswert (7)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Stefanie Holzer


    Stefanie Holzer, geboren 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.

    Stefanie Holzer, geboren 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.

    Als ich jüngst in aller Herrgottsfrühe mit einem Messer in der Hand um meine Kürbisplantage herumstrich, um die spanischen Wegschnecken daran zu hindern, die duftenden gelben Blüten zu fressen, hoffte ich, dass mich niemand dabei beobachte, wie ich die daumendicken braunen Monster brutal mit einem gezielten Stich ins Jenseits beförderte.

    Heutzutage sind die meisten Mitmenschen so zart besaitet, dass man als Schneckenkiller fast ein wenig grob, ja primitiv wirkt. Dabei fühle ich mich moralisch ganz im Recht: Ich verteidige mein Gemüse gegen meine Fressfeinde. Jene feinsinnigen Gemüter, die ihr Gemüse im Geschäft kaufen, würden "so etwas" selber nie tun - und haben die Abwehr ihrer Fressfeinde doch nur an die Bauern ausgelagert. Moralisch ist das, scheint mir, nicht wirklich überlegen.


    Die Gesellschaft hat sich angewöhnt, Gewaltlosigkeit als prinzipielle Norm zu erachten. Das ist nicht nur mit Schnecken ein Pro-blem, sondern auch mit den Tieren, die, laut Statistik, 94 Prozent der Österreicher immer noch ganz gern essen. Wenn ich erwähne, dass wir möglicherweise die drei männlichen der insgesamt fünf Küken, die lebensfroh durch unseren Garten sausen, vor Weihnachten töten werden, schauen die Menschen betreten drein. Es ist so, als hätten die Metzger aus den Dörfern ausziehen müssen, damit wir die Unrechtsware, erst einmal aus dem Kontext genommen, sozusagen vom Blut gereinigt, im cleanen Supermarkt kaufen können. Wir wollen einfach nicht daran denken, dass Schinken, Mortadella, Wiener Schnitzel und Leberkäse ganz unzweideutig mit dem Tod eines Tieres zu tun haben.

    Die Chefin eines Catering-Unternehmens erzählte mir einmal, nicht selten Spanferkel ohne Kopf zu Sommerfesten auszuliefern, weil die Kunden lieber glauben möchten, dass das Spanferkel sich spontan, von Natur aus kopflos, im Rohr manifestiere.

    Gewalt ist ein Tabuthema, keineswegs nur beim Schlachten. Junge Männer, die nicht Zivildienst machen, sondern zum Bundesheer gehen, gelten mancherorts als leicht derangiert. Ich würde aber doch ganz gern ein Heer haben, das mich und die Meinen im Bedarfsfall verteidigen könnte.

    Der in Wien lehrende Historiker Ilja Steffelbauer hat das Gewalt-
    tabu gebrochen: In seinem höchst lesenswerten Buch "Der Krieg. Von Troja bis zur Drohne" (Brandstätter) stellt er fest: Der Krieg ist Teil unserer Kultur, und Gewalt "entgegen der populären Plattitüde" bisweilen eben doch eine Lösung (wenigstens auf Zeit).

    Nach der Lektüre war ich sicher, der Autor würde meinen seit Jahrzehnten schwelenden Verteidigungskrieg gegen die Spanische Wegschnecke pragmatisch verständnisvoll beurteilen.




    3 Leserkommentare




    Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


    captcha Absenden

    * Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-08-31 18:30:03
    Letzte ─nderung am 2017-08-31 18:33:06



    Beliebte Inhalte

    Meistgelesen
    1. Wir sind wieder wir
    2. Alternative Zeitungsromantik
    3. Dann kommt garantiert die Rasierpflicht für Männer
    4. Ei, ei!
    5. Antiker Wahlgang
    Meistkommentiert
    1. Dann kommt garantiert die Rasierpflicht für Männer
    2. Wie wählen Sie?
    3. Veränderung, kurz gesagt
    4. "Ich wähl ihm sicher ned den Job weg"
    5. Antiker Wahlgang

    Werbung




    Werbung


    Werbung