• vom 02.09.2017, 11:00 Uhr

Glossen


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Sonderbares Biotop




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Von Hans-Paul Nosko


    Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien.

    Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien. Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien.

    Gleich neben der Redaktion der "Wiener Zeitung" liegt ein sonderbares Biotop. Ein Gebiet, das mich beim ersten Mal, als ich es betrat, an einen dieser Träume erinnerte, in dem völlig gegensätzliche Realitäten sich ineinander verschieben und ein scheinbar logisches und harmonisches Gesamtbild ergeben.

    Die ersten Schritte führen steil bergan, hernach steht man in einer anderen Welt: ein schmaler, staubiger Weg, der sich in eine Vielzahl von mäandernden Pfaden teilt, die von den dort Durchziehenden im Laufe der Jahre ausgetreten wurden. Diese Gässchen sind gesäumt von Brombeerranken, Hagebuttensträuchern, Schleh- dornhecken und übermannsgroßen Ebereschen. Ein Nussbaum, eine Föhre und etliche Ahornbäumchen ergänzen den botanischen Bestand. Ab und zu gesellen sich Amseln hinzu, hin und wieder sieht man Katzen vorbeischleichen. Geht man weiter, so schiebt sich linker Hand die Stadt wieder ins Blickfeld: Die Häuser einer Wohnsiedlung mit betrüblichem Äußeren überragen all das Dickicht, danach folgt ein Schulgebäude im Rotziegelbau. Zur Rechten fällt der Blick wie von einer Steilküste auf das Meer zu einer Reihe von Sportplätzen hin- ab. Nun bemerkt man unter den Hecken eine Unzahl schachtelähnlicher Behausungen, vor denen Schälchen, mit Milch oder Wasser gefüllt, stehen.


    Ein paar Schritte weiter passiert man eine offenstehende Metalltür und schon findet man sich wieder im vertrauten Großstadtdschungel: eine Sackgasse, die von Autos vollgeparkt ist. Und damit man weiß, wie die seltsame Welt heißt, die man gerade verlassen hat, hängt an dieser Tür ein Schild mit der trockenen Aufschrift "Naturdenkmal 752 Donauprallhang". Daneben finden sich jede Menge Ge- und Verbote, die Grünflächen und deren Verlassen sowie das Führen von Hunden an der Leine beteffend.

    Letzteres wird zwar von den dort spazierenden Herrln und Frauerln geflissentlich ignoriert, hätte jedoch seinen Sinn: Besagte Behausungen wurden von Katzenfreunden errichtet, als Unterschlupf für ihre streunenden Lieblinge. Diese selbst ernannten Betreuerinnen - ich sah bisher ausschließlich Frauen - kommen regelmäßig mit Säcken voll Futter an und füllen auch die Schälchen immer wieder getreulich auf.

    Einmal traf ich zwei von ihnen bei der Arbeit an. Die eine hatte, als ob sie ihr Tun damit legitimieren könne, an einem Band um den Hals den Ausweis einer Tierschutzorganisation hängen.

    Ich fragte sie, warum denn die Katzen gefüttert werden müssten, wo diese sich doch aus dem örtlichen Vogel- oder Mäusebestand selbst ernähren könnten. Die Antwort lautete: "Das wollen wir nicht. Die anderen Tiere sollen ja auch am Leben bleiben." Tja, Ordnung muss sein. Die Überreste der Natur werden exakt durchnummeriert und die dort lebenden Katzen mit Trockennahrung gefüttert, damit sie mit Vögeln und Mäusen in Harmonie existieren können.




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    Dokument erstellt am 2017-08-31 18:30:06



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