• vom 09.09.2017, 13:00 Uhr

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Klasse statt Masse




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Von Irene Prugger




    In den Gärten von Schloss Trauttmansdorff bei Meran blühen Pflanzen aus aller Welt. Es ist ein Erlebnis, da von einem Bereich in den nächsten zu wandeln. Es gibt nur einen Nachteil: Die romantisch-verschlungenen Wege sind zumeist stark bevölkert: Während man sich fasziniert über die botanischen Sehenswürdigkeiten beugt, schieben sich zuhauf Vertreter einer nicht uninteressanten menschlichen Spezies vorbei, der man selber angehört: Touristen.

    Information

    Irene Prugger, geb. 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils bei Hall in Tirol.

    Auch sie sind in Trauttmansdorff Teil einer Ausstellung, denn das Schloss beherbergt das "Touriseum", das Südtiroler Landesmuseum für Tourismus. Dieses widmet sich der Entwicklung des Reisegeschäftes und lädt selbst zu einer vergnüglichen Reise durch 200 Jahre alpiner Tourismusgeschichte ein. Sogar eine Original Isetta aus dem Jahr 1959 ist zu bewundern - ein Rollermobil oder "Motocoupé", wie der fahrende Zwitter zwischen Motorrad und Auto auch genannt wurde. Mit dem rollenden Ei steuerten viele Österreicher und Deutsche die Strände des Mittelmeeres an, die damals auch zur Hochsaison nicht überfüllt waren. Und dennoch: Der Massentourismus hatte bereits begonnen.

    Im "Touriseum" las ich eine Definition für Erholungsreisende aus der Frühzeit des Tourismus: "Tourist (engl.): Meist Angehöriger des Adels oder des gehobenen Bürgertums, er unterscheidet sich von der bisher bekannten Gattung der Reisenden, indem er sich nur zu seinem Vergnügen in fremde Länder begibt. Erste Erwähnung in englischen Wörterbüchern um 1800."

    Mittlerweile ist das Reisen demokratisiert, doch im Gegensatz zu jenen Zeiten, als Touristen allerorts willkommen waren, weil sie einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung bis in die hintersten Täler brachten, haben Reisende heute mit einem drastischen Imagewandel zu kämpfen.

    Da nützt es auch nichts, Pauschalreisen zu vermeiden, denn unzählige Individualreisende ergeben ebenfalls Massentourismus. Laut UNWTO (Weltorganisation für Tourismus) gibt es weltweit mittlerweile 1,2 Milliarden touristische Ankünfte pro Jahr, Tendenz stark steigend. Vergnügungsreisende sind Teil einer riesigen Herde, die auf ihren Trampelpfaden ansehnliche Städte zum Teil unbewohnbar macht, die Einwohner ihrer Identität beraubt, Müllberge auftürmt und die Immobilienpreise nach oben schraubt. Kein Wunder, dass die Willkommenskultur längst auch im Tourismus nachgelassen hat. Auf Mallorca formierte sich kürzlich eine Bürgerinitiative gegen den Massentourismus.

    Im unterhaltsamen, sehr informativen "Touriseum" wird die Tourismusentwicklung kritisch, aber nicht pessimistisch betrachtet und als Lösung des Dilemmas Klasse statt Masse propagiert. Darüber kann man gut nachsinnen, wenn man im kleinen Meran mit dem Öffi im Stau steht und Victor Hugos (bzw. Hofmannsthals) Reisegedanke, den man zuvor auf einer Schautafel gelesen hat, einen zynischen Unterton bekommt: "Die Entfernungen nehmen ab, die Menschen kommen sich näher!"





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-09-07 18:18:05
    Letzte Änderung am 2017-09-07 19:20:23



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