• vom 10.09.2017, 16:00 Uhr

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Samstagseinkauf




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Von Andreas Rauschal




    Hannelore B. reagierte mit einer abfälligen Handbewegung. Vor ihr hatte sich ein Mann auf einen dreibeinigen Hund übergeben, der das Erbrochene vom Boden aufzulecken begann. Hannelore B. vermochte darin ein Fischbrötchen auszumachen, eine gute Portion vom Magensaft nur unzureichend vorverdauter Tomaten und zwei Erbsen, die ihr langsam entgegenkullerten, bevor sie sich abwandte und ihr Blick vorgab, den Stand "Tante Herthas Käseparadies" anzuvisieren. In Wahrheit aber schaute Hannelore B. verloren ins Nichts. Vor ihren Händen geriet die überschaubare Vorfreude auf den ersten Herbsttag des Jahres endgültig zur Farce, während draußen rostbraune Kastanienblätter wie Abfall zu Boden gingen, wo sie in halbfingertiefen Pfützen versanken.

    Information

    Andreas Rauschal, 1984 in Vöcklabruck geboren, schreibt und lebt in Wien.

    "Zur Seite, aber dalli, na wird’s bald!", riss ein grober Klotz sie aus den Gedanken, der unwirsch mit seinem Einkaufstrolley vorbeidüste und ihr beinahe über die Schuhe gefahren wäre. "Es eilt!" Weiter hinten bei der Wursttheke sprangen einander zwei Männer an die Gurgel. Hannelore B. flüchtete sich in die Vorstellung, sie würden sich auf ihrem samstäglichen Beutezug besorgt um die Ernährungsgrundlage ihrer Familien, also bloß aus Fürsorge und Liebe, in die Haare kriegen wie zwei Neandertaler beim Anblick eines Wildschweins, das in mageren Zeiten fette Festmahle versprach.

    Ein halbes, bei "Detlefs Fruchtspezialitäten" erworbenes Kilo Pflaumen war bereits verdorben, als Hannelore B. die Ware sorgfältig in der Einkaufstasche verstaute. Trostlos wie das Leben schimmelte ihr ein Stück Gorgonzola von "Chez Pierre" entgegen, für das auch Pierre selbst nur Verachtung empfand. Über allem lag der Geruch eines in seine Einzelteile zerlegten Lammes, das Fleischer Diethart wenig ansehnlich in die Vitrine geschmissen hatte. "Die Leute haben kein Geld mehr", hörte Hannelore B. ihn sich beklagen. "Ich würde bei mir auch nichts kaufen", entgegnete sein Sohn, dessen Hauptmerkmal in Gesichtszügen bestand, die sich als vom Leben enttäuscht erwiesen.

    An den Pflaumen in der Einkaufstasche erfreuten sich jetzt die Würmer. Einem Gemüsesaftlieferanten glitten drei Flaschen "Sauerkrauttrank" aus der Hand. In den daraus entstandenen Gemüsesaftteich verlor ein kleines Mädchen aus dem vorbeirollenden Kinderwagen ihren Teddybär Bert. Auf ihr Heulen und Jammern und Jaulen reagierte die Mutter uninspiriert.

    Hannelore B. machte kehrt. Beim nächsten Mal würde sie wieder ihren Mann Horst einkaufen schicken, der bereits vor acht Jahren in einem Schneegestöber auf der Autobahn kurz vor Hannover ums Leben gekommen war.

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    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-09-07 18:21:06
    Letzte ─nderung am 2017-09-07 19:19:15



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