• vom 08.09.2017, 18:29 Uhr

Glossen

Update: 13.09.2017, 10:24 Uhr

Glossenhauer

Absolut obsoletistischer Absolutismus




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Von Severin Groebner

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  • Das ist nicht die beste Kolumne, aber vielleicht ist sie ganz gut.

Severin Groebner ist Kabarettist und Mitbegründer der letzten Wiener Lesebühne. Sein neues Programm "Der Abendgang des Unterlands" spielt er von 5. bis 7. Oktober im Kabarett Niedermair.

Severin Groebner ist Kabarettist und Mitbegründer der letzten Wiener Lesebühne. Sein neues Programm "Der Abendgang des Unterlands" spielt er von 5. bis 7. Oktober im Kabarett Niedermair. Severin Groebner ist Kabarettist und Mitbegründer der letzten Wiener Lesebühne. Sein neues Programm "Der Abendgang des Unterlands" spielt er von 5. bis 7. Oktober im Kabarett Niedermair.

Irgendwann vor zwanzig Jahren hat das angefangen. Ich glaube, es war wieder einmal einer der Sprachzerstörer aus der Werbung. Der Mensch brauchte eine Idee. Hatte aber keine. Und da kam ihm der Gedanke, statt einer Idee einen Superlativ zu verwenden. Und da stand dann plötzlich überall plakatiert: Österreichs bester Leberkäse. Oder Österreichs geschmeidigster Harnröhrenreiniger. Oder Österreichs schönster Eiterwimmerlentferner. Oder was auch immer. Ich weiß es nicht mehr. Erfolgreichst verdrängt.

Das Produkt war nebensächlich, der Superlativ aber machte von nun an Karriere.

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Eine steile. Wenn nicht sogar die steilste. Denn dann stieg auch noch das deutsche Privat-TV mit ins Boot und produzierte Sendungen mit den aufwühlenden Titeln "Deutschlands bester einbeiniger Sitzfußballer", "Die zehn besten Witze über Trinkwassermangel" oder "Die schönsten Haftanstalten Mecklenburg-Vorpommerns". Und das, obwohl Mecklenburg-Vorpommern teilweise wie eine einzige Haftanstalt wirkt.

Aber ich schweife ab. Da kam die heimische Boulevardpresse dazu, und es ging weiter bergab. Vielleicht sogar bergabst. Auf einmal war der Superlativ überall. War vorher etwas noch gut oder schlecht oder lässig oder lila, musste es plötzlich das Beste, das Schlechteste, das Lässigste oder das Lilaste sein. Wider jede Logik und enthaltsam jeglichen Vergleichs, brettert der Superlativ seither durch den Sprachwald wie eine fliegende Motorsäge. Und das ist leider blöd. Vielleicht sogar das Blödeste, was man machen kann.

Denn unterhalb des Superlativs kann man sich unterhalten. Kompromisse schließen. Ausgleich erzeugen. Wenn etwas gut ist, kann etwas anderes auch noch gut sein. In aller Ruhe, gleich nebenan.

Wenn etwas besser ist, wird es schon schwieriger. Aber man kann sich immer noch auf besser in diesem Rahmen, besser in jener Situation, besser für dich einigen. Und besser für dich muss nicht unbedingt gut für mich sein.

Das Beste (und jeder andere Superlativ) macht all das unmöglich. Er lässt keine Meinung außer der eigenen neben sich gelten. Der Superlativ ist ein Totalitarist. Er ist der nationalsozialistischesalafistischekryptokommunistischeturbokapitalistische Verschwörungstheoretiker unter den Wortformen. Er hat recht. Und nur er. Ende der Diskussion.

Deshalb gehört der Superlativ gezähmt. Eingezäunt. An die Leine gelegt. Das Beste? Für wen? Das Schönste? Im Vergleich wozu? Das Größte? In welchem Rahmen?

Da fällt mir die Geschichte eines Freundes ein. Er war in Marokko und wollte sich ein Fahrrad ausborgen. Der Mensch, den er dazu befragt hatte, sagte: "Kein Problem, morgen hast du eines."

Am nächsten Tag brachte er ihm ein Fahrrad. Ein verrostetes, altes Ding, kaum aufgepumpt, mit sechzehn Gängen, von denen exakt einer funktionierte. Der Sattel war kaputt, und es quietschte beim Treten wie Omas alte Nähmaschine. Mein Freund fragte den Mann, der ihm das Fahrrad gebracht hatte, ob es kein anderes gäbe. Der Marokkaner aber strahlte ihn an und sagte: "Das ist das beste Fahrrad . . . das du heute kriegen kannst."

Da sieht man, der reale Superlativ ist auch nur relativ super.




Schlagwörter

Glossenhauer, Superlativ, Sprache

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-08 18:18:03
Letzte ─nderung am 2017-09-13 10:24:08



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