• vom 12.09.2017, 17:06 Uhr

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Update: 12.09.2017, 17:18 Uhr

Sedlaczek am Mittwoch

Die Wahrheit über den Piefke




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Von Robert Sedlaczek

  • Königgrätz, eine Militärparade in Gänserndorf, ein preußischer Militärmusiker - das sind die Zutaten einer Legende, die immer wieder auftaucht.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka. Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Am 31. Juli 1866 hielt die preußische Armee im Marchfeld bei Gänserndorf eine pompöse Militärparade ab. In einigen Zeitungen, darunter auch in diesem Blatt, konnte man vor kurzem lesen, dass der backenbärtige Militärkapellmeister Johann Gottfried Piefke und sein Bruder Rudolf dermaßen imposant voranmarschierten, dass die Wiener riefen: ‚Die Piefkes kommen!‘" Österreich hatte gerade die Schlacht bei Königgrätz verloren - die Machtverhältnisse in Europa waren damit neu geregelt.

In der Tageszeitung "Der Standard" schaffte es dieser Johann Gottfried Piefke am vergangenen Samstag sogar in die Rubrik "Kopf des Tages". Weil der Militärmusiker angeblich vor genau 200 Jahren, am 9. September 1817, geboren wurde. Das ist übrigens strittig - in den meisten Annalen wird als Geburtsdatum der 9. September 1815 genannt, worauf die "Wiener Zeitung" ausdrücklich hinwies.

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Bemerkenswert ist, dass eine alte Theorie, die schon längst als Legende entlarvt wurde, aufgewärmt wird. In Wirklichkeit hat die abwertende Bezeichnung für Deutsche nichts mit den zwei Militärmusikern und nichts mit der Militärparade in Gänserndorf zu tun.

Die Wiener hatten am 31. Juli 1866 andere Sorgen, als sich mit Militärmusikern zu beschäftigen, deren Ansehen nie und nimmer bis in die Donaumonarchie reichte. Der Feind stand vor den Toren Wiens. Hätten sie wirklich "Die Piefkes kommen" gerufen, so wäre dies auch in den damaligen Zeitungen kommentiert worden. Dort ist jedoch nichts zu finden.

Das Wort Piefke diente in Wahrheit schon Jahrzehnte vor Königgrätz als Bezeichnung für unbedeutende, einfältige und angeberische Menschen, für Kleinbürger und Spießer - und zwar in Deutschland. Im Jahr 1841 schuf Adolf Glaßbrenner, er wird gerne als "Vater des Berliner Humors" bezeichnet, in seiner Komödie "Antigone in Berlin" eine Spottfigur mit diesem Namen. In der Folge hat sich Piefke in der satirischen Literatur Deutschlands einen festen Platz erobert. Im Revolutionsjahr 1848 taucht der Piefke erstmals auch in Wien auf, und zwar in der von Moritz Gottlieb Saphir redigierten Zeitschrift "Der Humorist". Saphir war ein Mitarbeiter Glaßbrenners in Berlin gewesen, er verwendete die Witzfigur allerdings dazu, einen Wiener zu charakterisieren.

Erstmals wird Piefke 1870 auf einen preußischen Soldaten bezogen,
und zwar in einem Beitrag der katholischen Zeitschrift "Wiener Funken"‘. Zwei Jahre später hat dann der Niederösterreicher Ro-
bert Hamerling in seiner Komödie "Teut" zwei Berliner mit dem Namen Pifke und Pufke auftreten lassen. Hamerlings Pifke verkörperte berlinerische Großschnäuzigkeit und preußische Entschiedenheit, er könnte das Urbild des Ausdrucks Piefke gewesen sein, wie wir ihn verstehen.

Das alles hat "WZ"-Leser Anton Karl Mally in jahrelanger Kleinarbeit recherchiert, und Hubertus Godey-sen stellte in der Broschüre "Piefke. Kulturgeschichte einer Beschimpfung" den Sachverhalt übersichtlich und schlüssig dar. Auch die Eintragung im Rechtschreib-Duden zum Ausdruck Piefke steht damit im Einklang: erste Bedeutung: Wichtigtuer, Angeber; zweite Bedeutung: österreichisch abwertend für Deutscher.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-12 17:12:03
Letzte nderung am 2017-09-12 17:18:28



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