• vom 13.09.2017, 16:05 Uhr

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Update: 20.09.2017, 14:09 Uhr

Maschinenraum

Müde Begleitmusik




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Von Walter Gröbchen

  • Maschinenraum
  • Während sich Apple mit jeder iPhone-Generation in neue, allerdings nicht ungeahnte High-Tech-Sphären schwingt, stagniert die Musikabteilung.



Staunend höre und lese ich all die wundersamen Geschichten zum neuen iPhone. Noch mehr erstaunt mich aber, wie kalt mich die Aufzählung der Features, die Einschätzung der Analysten, ja selbst das hoch emotionale Für und Wider von Apple-Fans und Apple-Hassern lässt. Das Modell X (sprich: Zehn) sei das bislang teuerste Smartphone - und hierzulande nicht unter 1149 Euro zu kriegen. "Telefon" sollte man zu solch einer geballten Ladung High Tech wohl nicht mehr sagen. Home-Button adé, Gesichtserkennung statt Fingerabdruck-Sensor, randloses Display, kabellose Ladung. Und? Animierte Emojiis, die in Echtzeit die Mimik des Nutzers übernehmen - darunter ein wieherndes Einhorn, ein sprechender Fuchs und ein lachender Scheißhaufen. Oh. Grimassenspiegelung ist nun wirklich etwas, worauf die Welt gewartet hat... Einmal kurz gelacht! Ich bin froh, dass mein - nun rasant veraltetes - iPhone 7 nicht mit einsteigt ins spontane Gewieher.

"Die einzige Überraschung war, dass jegliche Überraschung ausgeblieben ist", unkte die "Süddeutsche Zeitung" denn auch zur Vorstellung der neuen Apple-Produktpalette. Nun: Wenn man bedenkt, mit welchem Aufwand - und welch begleitenden Medien-Orakel-Spektakeln - der einstige Computerkonzern sein mit Abstand wichtigstes, begehrtestes und lukrativstes Produkt inszeniert, ist das Erregungspotenzial von Scheißhaufen-Emojis wirklich verwirrend. Die Generationensprünge der IT-Universalwaffe Smartphone - und das gilt nicht nur für Apple - sagen mehr über die wahren Bedürfnisse der Menschheit aus, als uns allen lieb ist. Für Technik-Freaks und Kontrollzwängler ist Facial Motion Capture ("Face ID") wahrscheinlich etwas Pipifeines, für den Rest von uns die Lösung eines Problems, das wir bislang nicht hatten. "Biometrik statt Passwort ist fast so dumm wie E-Voting", fiel mir denn gleich ein Twitter-Kommentar ins Auge. Die anderen erspare ich Ihnen.


Ich selbst wäre ja schon froh, wenn man uns aus Cupertino statt eines neuen Distinktions-Fetisches endlich eine ordentliche Software lieferte, mit der man Musik abspielen kann. Am Handy und sonstwo. Sorry to say (verzeihen Sie die verbale Schärfe!): iTunes ist ein wirklicher Scheißhaufen. Und er lacht uns aus. Seit Jahren. iTunes, die Standard-Multimedia-Zentrale auf allen Apple-Geräten, ist seit jeher ein nerviges, unübersichtliches, restriktives Ärgernis, das seine Schöpfer aber als unveränderliches (oder, schlimmer, mit jedem Update noch seltsamer gestaltetes) Kontinuum zu betrachten scheinen. Audio-Freaks sind daher längst auf moderne Lösungen à la Roon oder Audirvana Plus umgestiegen, ein nicht unbeträchtlicher Teil der Apple-Kundschaft pfeift auch auf die enge Verzahnung von iTunes und Apple Music, dem hauseigenen Streaming-Angebot. Vierzig Prozent mehr Hörstunden auf iPhones entfallen, so eine aktuelle Studie von "MusicWatch", auf Spotify, die lästige Konkurrenz aus Schweden. "Yes, they’re doing a better job than Apple", resümiert die Business-Plattform. Welch Schmach! Steve Jobs hätte getobt. Nun: Bei über einer Milliarde bislang verkaufter iPhones sollte ja genug Geld in der Portokasse liegen, um die Apple-Musikabteilung dringend aufzupäppeln. Oder kurzerhand Spotify vom Markt zu kaufen.




Schlagwörter

Maschinenraum, Feuilleton, iPhone

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-13 16:09:05
Letzte nderung am 2017-09-20 14:09:04



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