• vom 14.09.2017, 15:45 Uhr

Glossen


Arme Österreicher

Sie schlafen mit einem Auge schon unter der Brücke




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Von Claudia Aigner

  • Kunstsinnig
  • Heutzutage gehen die Pensionisten ja nicht mehr zum Taubenfüttern in den Park ums Eck. Sie wandern viel weiter. Nämlich aus.



Kommt’s nur mir so vor oder werden die Bettler immer mehr? Kann uns aber eigentlich wurscht sein. Die meisten von denen sprechen eh kein Deutsch, oder? Ist also nicht unsere Armut. Die gehört den Rumänen, den Bulgaren . . . Uns jedenfalls geht’s gut. Unsere Heimat ist schließlich mehr als reich. Die ist Öster-reich.

Okay, vielleicht sind nicht alle von uns reich. Nicht? Und wo leben die andern, wenn nicht auf der Straße? Na ja, im Überziehungsrahmen ihres Girokontos. Erst am Dienstag hat der HC Strache in "Wien Heute" was dazu gesagt. Und der ist immerhin der Obmann der Sozialen Heimatpartei. Wer, wenn nicht er, sollte sich für die Nöte der kleinen Leute interessieren? (Klein? Ist das hier nicht die "Heimat großer Töchter und Söhne"?) Wegen der extrem gestiegenen Lebenshaltungskosten würden die Menschen "oftmals am 25./26. des Monats, ja, ins Minus gehen am Bankkonto". Die Glücklichen. Mein Lieblingsarbeitsloser (57) ist ganz neidig. Der würde sich alle zehn Finger abschlecken. Und alle Zehn-Cent-Münzen, die er im Börsel hat, dazu. Wenn er bis zum 24. im Plus wäre. Der ist permanent unter null. Und vom Monatsende bis zum Fünften (dann wird endlich die Notstandshilfe überwiesen) kriegt er vom Bankomaten: nix. Nicht einmal negative Euro. Für die später Überziehungszinsen fällig sind. ("Schaust ma oba ned so aus, als würdest immer a Wochn hungern." - "Weil i a Kreditkoatn hob. Außerdem is Übergewicht grad a Beweis für Bedürftigkeit. Chips san billiger als Gemüse.")


Bernard G. (sein richtiger Name steht auf seiner American-Express-Karte - zumindest bis die Billakassierin ihm die zerschneidet) hat sogar sein Zeitungsabo gekündigt, um zu sparen. (Zum Glück hat er nicht die "Wiener Zeitung" abonniert gehabt, sonst hätte er mit dieser Kündigung meinen Job auch noch gefährdet.) Liest er halt nun den Teletext. Doch er hat einen Plan (von dem muss er bloß noch die Pensionsversicherungsanstalt überzeugen): In Pension gehen. Wegen seiner Depressionen und der unheilbaren Krankheit 50 plus. Dann hätte er mehr Geld? "Ned wirklich. Oba wenn i schon jetzt nach Bulgarien auswander, streicht ma des AMS den Notstand." - "Bulgarien? Wo die Leit so oam san, doss sogoa die Bettler in Panik vor ihnen geflüchtet sind? Zu uns her?" - "150 Euro, umgerechnet, kost’ a Apartment in Varna. 300 mit Blick aufs Meer. In Meidling zahl i 450. Mit Blick auf den Verkehr. Des Essen is a um 50 Prozent günstiger. Duat is des Lebm a anziger Abverkauf." - "Die PVA losst di sowieso erst mit 65 in Pension gehen. Donn zoit si des Auswandern goa nimmer aus. Wegen sechs Joa. In Bulgarien ham die Männer nämlich a Lebenserwartung von anasiebz’g. Do sterbens ocht Joa früher." - "Lieber sechs Joa a Lebm habm, als 14 Joa mit an Aug immer scho unter da Bruckn schlofn. Mit mindestens an Aug."

Da werden sich die Bulgaren aber freuen. Wenn ihre Wohnungen und Parks irgendwann voll sind mit betagten Ausländern. Wenn ihr Land das Altersheim Europas sein wird. Ach, seit der Rede vom Jean-Claude Juncker ist Bulgarien für Wirtschaftsflüchtlinge aus den reichen EU-Staaten ohnedies unattraktiv. Oder hat der Kommissionspräsident etwa nicht gedroht, dass er dort (und in Rumänien) den Euro einführen wird? Und wenn die Preise nachher so steigen wie bei uns damals, können unsre Pensionisten gleich daheimbleiben.




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Dokument erstellt am 2017-09-14 15:51:07



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