• vom 17.09.2017, 17:00 Uhr

Glossen


Stadtbild

Mannheimer Spezialitäten




  • Artikel
  • Lesenswert (7)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Hermann Schlösser


    Hermann Schlösser, geboren 1953 in Worms, ist Redakteur des "extra" der "Wiener Zeitung".-

    Hermann Schlösser, geboren 1953 in Worms, ist Redakteur des "extra" der "Wiener Zeitung".- Hermann Schlösser, geboren 1953 in Worms, ist Redakteur des "extra" der "Wiener Zeitung".-

    In Mannheim pflegt man einen etwas derben Humor. Selbst die Süßigkeit, welche als die lokale Spezialität gefeiert wird, heißt zwischen Rhein und Neckar nicht etwa "Mannheimer Glückstaler" oder so ähnlich, nein, sie wird seit eh und je unter dem Namen "Mannemer Dreck" verkauft. "Mannem", das ist Mannheim auf "Manemmerisch", wobei eine Fraktion in der Stadt der Ansicht ist, der korrekte Dialektname sei nicht Mannem, sondern Monnem. Aber diese Debatte dürfen wir den Einheimischen überlassen.

    Bei dem sogenannten Dreck handelt es sich um einen kleinen, würzigen Lebkuchen, der mit einem dunklen Schokoladenguss überzogen ist. Er hat nicht nur in der regionalen Süßspeisengeschichtsschreibung einen Ehrenplatz, sondern auch in der Geschichte der Popmusik. Heute kennt man ja vor allem die "Söhne Mannheims" als Popexport der Stadt. Aber in früheren Jahrzehnten war eine Tochter Mannheims das Aushängeschild: Joy Fleming, nach wie vor als Jazzsängerin aktiv, trat 1975 beim European Song Contest für Deutschland an und sang wenig erfolgreich den Titel "Ein Lied kann eine Brücke sein".

    So sieht er aus, der süße Dreck, hier sogar mit Echtheits-Zertifikat.

    So sieht er aus, der süße Dreck, hier sogar mit Echtheits-Zertifikat.© Foto: Imanuel Giel/ Wikimedia So sieht er aus, der süße Dreck, hier sogar mit Echtheits-Zertifikat.© Foto: Imanuel Giel/ Wikimedia

    Da war sie in der Region schon berühmt: 1972 erschien eine Single mit ihrem hinreißenden "Neckarbrückenblues", der die Bluestauglichkeit des lokalen Dialekts unter Beweis stellte. Und auf der Rückseite dieses Glanzstücks sang Joy Fleming unter dem Titel "Mannemer Dreck" die unvergesslichen Worte: "Leg ich mich einst zur ewigen Ruh’, deckt mich mit Dreck aus Mannem zu". (Wobei sie virtous zwischen den verschiedenen Bedeutungen des Wortes "Dreck" changierte.)

    Werbung

    Der Lebkuchen dieses Namens wird dem Konditormeister Johann Adam Herrdegen verdankt, der im Jahr 1862 das Rezept dafür ausgetüftelt hat. Seine Konditorei war damals schon ein gut eingeführtes Geschäft und ist auch heute noch in der City zu finden.

    In der Barockzeit wurde Mannheim wie ein Schachbrett angelegt, und die Adressen der Innenstadt-Quadrate bestehen nach wie vor aus einfachen Koordinaten. Unter der Chiffre E2 8 findet man die Café-Konditorei Herrdegen, die natürlich nicht nur Dreck verkauft. In dem altväterischen Raum, der aber auch gar nichts Zeitgemäßes an sich hat, kann man einen Kaffee bestellen, der - anders als in Wien - auf der ersten Silbe zu betonen ist ("Káffee"), dazu wird Milch in winzig kleinen Kännchen gereicht.

    Zum Essen würde sich etwa ein Frankfurter Kranz empfehlen - ein mit Buttercreme gefüllter, mit Krokant überzogener, sehr üppiger Kuchen, der von Spaßvögeln auch "Krankfurter Franz" genannt wird. Und wer keine Lust auf Süßes hat, kann sich zum Beispiel eine Königin-Pastete mit Ragout Fin bestellen. Auch sie passt mit ihrer monarchistischen Aura ins Traditions-Ambiente und ist überdies recht delikat - zumal dazu eine Beigabe mit dem schönen Namen "Worcestersauce" serviert wird, die dem zarten Ragout einen Schuss Pikanterie verleiht.




    Leserkommentare




    Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


    captcha Absenden

    * Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-09-14 16:51:13
    Letzte nderung am 2017-09-14 17:12:21



    Beliebte Inhalte

    Meistgelesen
    1. Wir sind wieder wir
    2. Dann kommt garantiert die Rasierpflicht für Männer
    3. Ungeliebtes Geburtstagskind
    4. Ei, ei!
    5. Veränderung, kurz gesagt
    Meistkommentiert
    1. Wie wählen Sie?
    2. Veränderung, kurz gesagt
    3. "Ich wähl ihm sicher ned den Job weg"
    4. Antiker Wahlgang
    5. Letzte Farbenspiele vor der Wahl

    Werbung




    Werbung


    Werbung