• vom 24.09.2017, 11:00 Uhr

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Putzfeine Prozession




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Von Gerald Schmickl


    Gerald Schmickl, Leiter der "extra"-Redaktion, stellt seine (spät-)sommerlichen Helden vor . . .

    Gerald Schmickl, Leiter der "extra"-Redaktion, stellt seine (spät-)sommerlichen Helden vor . . . Gerald Schmickl, Leiter der "extra"-Redaktion, stellt seine (spät-)sommerlichen Helden vor . . .

    Mein Mann des Sommers trägt Orange. Es ist die Farbe seiner Arbeitskluft. Die Damen und Herren der "48er", die Wiener Müllentsorger, tragen sie bekanntlich mit ähnlichem Stolz und sichtbarem Selbstbewusstsein wie die New Yorker Feuerwehrmänner ihre Uniformen. Mein Straßenkehrer, wie man die Herren in der grellen Signalfarbe sich ja kaum mehr zu nennen getraut, geht zu Fuß, springt also nicht alle paar Meter von einem großen Fahrzeug herab, um Tonnen und Kübel zur maschinellen Leerung vorzubereiten.

    Er schreitet jeden Vormittag, mit Schaufel und Besen in der Hand, gemächlich die Obere Alte Donau entlang. Er geht ein paar Schritte, bleibt stehen, kehrt ein Papierl auf, grüßt in einen Garten hinein, unterhält sich mit Passanten. Es ist eine höchst gemächliche Tour. Und eine beruhigend anzusehende: Hier fühlt sich einer sichtlich wohl und gut aufgehoben in seinem Rayon. Kein Wunder, denn dieser Abschnitt entlang des pittoresk stehenden Badegewässers gehört zu den schönsten Gegenden im transdanubischen Wien. Diese buchstäblich putzfeine Prozession, die ich in diesem Sommer vielfach beobachten durfte, vermittelt mir nicht nur das Gefühl eines verantwortlichen Tuns und einer regionalen Verbundenheit, sondern vor allem eine Freude an der Beschäftigung an sich.

    Eloge auf einen Straßenkehrer . . . Cartoon: Margit Krammer

    Eloge auf einen Straßenkehrer . . . Cartoon: Margit Krammer Eloge auf einen Straßenkehrer . . . Cartoon: Margit Krammer

    Man geht in unseren Kreisen ja viel zu oft fälschlich davon aus, dass die Identifikation mit einer beruflichen Tätigkeit weitgehend den sogenannten kreativen Dienstleistern vorbehalten ist: Medienleuten, Designern oder Architekten, die sich in straßenseitigen Studios mit großen Fenstern gerne beim exemplarischen Arbeitsvollzug zusehen lassen - in einer Art von zeitgemäßer Peepshow.

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    Dabei sind es oft viel gestandenere, erdnahere Tätigkeiten, bei denen mir die Hingabe auffällt, mit der sie ausgeübt werden, wie etwa bei dem in dieser Glosse schon einmal erwähnten Reifenwechsler in der Wiedner Hauptstraße oder dem Oblatenbäcker in der Wienzeile. Diese Professionisten sind - Letzterer fast rund um die Uhr - mit ihrem Handwerk in einer Weise verwachsen, wie ich das anderswo nur selten sehe. Außer eben beim Straßenkehrer, dem ich die Zufriedenheit - eventuell auch als etwas zu idealistisch gestimmter Beobachter - ebenfalls unterstelle.

    Sowie dem Kellner im Rüdigerhof, meinem zweiten Mann des Sommers. Richie, so sein Name, ist von einer Eilfertigkeit und Verlässlichkeit, wie es in dieser Branche selten ist. Selbst im größten Gewurrl, das sommers in dem herrlich schattigen Garten des Lokals schnell herrscht, behält er den Überblick, federt den Grant, der ihm von manchem noch immer zu langsam bedienten Gast entgegenschlägt, spielerisch ab - und schlägt sich selbst demonstrativ an die Stirn, wenn er doch einmal etwas vergessen hat.

    Der Café Latte, den er mir gerne unaufgefordert hinstellt, wurde zuletzt mit derart ausgesuchter Eleganz an meinen Tisch gebracht, dass ich Richie schon alleine deswegen loben musste. "Ich mache alles mit Liebe", meinte er daraufhin augenzwinkernd. Trotz der selbstironischen Geste hielt ich die Auskunft sofort für wahr.




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    Dokument erstellt am 2017-09-21 18:39:11



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