• vom 22.09.2017, 16:20 Uhr

Glossen


Glosse

Maximale Vernunftordnung trifft auf enthemmte Aggression




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Von Isolde Charim

  • Deutschlands Wahlkampf zwischen Nüchternheit und Wut.

Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.

Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien. Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.

Während wir uns noch mitten im Wahlkampf befinden, wird in Deutschland am Sonntag bereits gewählt. Eines kann man aber jetzt schon feststellen: Der deutsche Wahlkampf war ein ganz anderer

als der österreichische. Dieser


wurde von zwei Momenten bestimmt, die widersprüchlicher nicht sein konnten.

Da war zum einen jene Ereignislosigkeit, die die Kommentatoren entzweite: War das Langeweile oder Sachlichkeit? Trägheit oder zivilisierter Diskurs? Lähmender Stillstand oder wohltuende Nüchternheit? Wie auch immer man es wertet - es war etwas, worüber wir uns hierzulande weder beschweren noch erfreuen können.

Diese Ruhe, diese Vernunft im Bereich des Politikbetriebs im engen Sinn stand aber im großen Kontrast zu dem, was sich anderswo abspielte. An den Rändern blitzte ein Konflikt auf, den man trotz seiner hässlichen Fratze nicht umhinkommt als politisch zu bezeichnen. Aufblitzen? Er machte sich eher lautstark bemerkbar. Mit Trillerpfeifen wurden Merkels Wahlkampfreden - vornehmlich im Osten - übertönt. Rote Karten wurden ihr gezeigt. "Merkel muss weg", "Hau ab", "Volksverräter" gebrüllt und plakatiert. Auch wenn sich nur zehn Prozent der jeweiligen Zuhörerschaft daran beteiligte, so war es deren Vehemenz, die den Ton angab. Im wahrsten Sinne des Wortes. Sie pfiffen Merkel nieder, die trotzdem weiter sprach. Was für ein Bild: Der vernünftige Diskurs, aufrechterhalten, auch wenn er nicht mehr gehört werden kann - aufrechterhalten als Symbol. Gegen einen Protest, der nicht geordnet, sondern als Störung auftritt, weil er Einspruch gegen die Ordnung selbst ist. Protestierende mit denen man nicht reden kann, weil Reden schon Teil dessen ist, was sie ablehnen - das System. Das sind nicht einfach jene Protestwähler, die als Phantom durch alle politischen Diskurse geistern. Es sind vielmehr grundlegende Protestierer gegen das System selbst - jenes System, das für sie von Merkel verkörpert wird. Das System der Demokratie, des Parlamentarismus, der freien Medien, der offenen Gesellschaft.

Maximaler Vollzug einer politischen Vernunftordnung traf also auf enthemmte Aggression. Nun war dies aber kein spontanes Aufwallen des Volkszorns, keine plötzliche Eruption einer unterdrückten Wut. Es war dies vielmehr ein "organisierter Guerillawahlkampf", wie "Die Zeit" schrieb - im Wesentlichen durch die AfD orchestriert. Durch jene AfD, die gleichzeitig bei diesen Wahlen antritt und den Einzug in den Bundestag wohl schaffen wird. Was für eine Schizophrenie, in jenes System hinein zu wollen, das man gleich-

zeitig als solches bekämpft. Aber

eine nicht unbekannte politische Zweigleisigkeit.

Zugleich aber muss man sagen: Wenn es etwas gibt, was man vom deutschen Wahlkampf lernen konnte, wenn es etwas gibt, was er einem unmittelbar und sinnbildlich vor Augen geführt hat, dann das: Die offenen Gesellschaft ist nicht mehr einfach offen. Das heißt, sie kann nicht mehr einfach offen sein, Platz bieten für alle Meinungen, denn sie wird in eine Auseinandersetzung gezwungen. Allerorten, nicht nur
in Deutschland. Die offene Gesellschaft hat eine Grenze bekommen. Eine Grenze, die die anderen in
eine Front verwandeln.




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Dokument erstellt am 2017-09-22 16:24:05



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