• vom 01.10.2017, 11:00 Uhr

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Mampf-Kampf




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Von Matthias G. Bernold


    Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

    Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien. Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

    Zurück in die 1980er Jahre: Um die Zeit bis zum Nachmittagsturnen zu überbrücken, gingen meine Schulkameraden und ich regelmäßig zur McDonald’s-Filiale in der Meidlinger Hauptstraße. In der Zeit beim "Mäcki" bewarfen wir einander mit Pommes, verschossen Papier-Projektile mit Strohhalmen und schlangen um die Wette. Herausragend war dabei ein Klassenkollege, dem es einmal gelang, einen Big Mac im Ganzen in den Mund zu stopfen. Die nächsten langen Minuten schob er den Burger im Mund umher. Umringt von einer Horde grölender Adoleszenter zwängte er das weich-gespeichelte Gemenge irgendwann durch die Speiseröhre. Stolz, Erschöpfung und etwas Cocktailsauce zeichneten das Gesicht des Siegreichen - ein Star war geboren.

    Wäre mein Freund 30 Jahre später auf die Welt gekommen - sein Ruhm (der noch wuchs, als ihn die Fast-Food-Kette mit Hausverbot belegte) hätte sich nicht auf das Meidlinger Gymnasium beschränkt. Jugendliche in der ganzen Welt hätten den Mampf-Kampf auf YouTube und Instagram bewundert. Und mein Klassenkollege könnte heute als Influencer von seiner Fähigkeit leben. Wer weiß.

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    Mit den neuen Medien und der Verwendung von Smartphones ist es freilich so eine Sache. Das Dokumentieren kreativer Höchstleistungen ist verdienstvoll. Doch ist dies nicht die Hauptanwendung der klugen Geräte. Wie der US-amerikanische Essayist Jonathan Crary in seinem Buch "24/ - Schlaflos im Spätkapitalismus" darlegt, dienen Smartphones und Vernetzung primär einem Zweck: dem zeitlich wie örtlich unbeschränkten Konsum. Der Mensch werde konditioniert, "zu bekommen, zu haben, zu gewinnen, zu glotzen, zu vergeuden und zu verhöhnen". Dies alles "restlos eingespannt in Kontrollmechanismen, die seine Überflüssigkeit und Machtlosigkeit aufrecht erhalten".

    Zurück zu McDonald’s: Anhand der Fast-Food-Kette lassen sich die Wandlungen des Kapitalismus studieren. Stets griff man Trends auf und feinjustierte das Angebot samt dessen Verpackung: heimisches Rind statt Importfleisch, Salat statt Panier, Karton statt Styropor. Auch "optimierte" man die quasi-indus-triellen Abläufe regelmäßig. Jüngster Wurf sind übergroße Touch-Screens, die Schalterkräfte beim Bestellen überflüssig machen. Die Kunden ordern mittels Wischen und Tippen an den Bildschirmen. Sie zahlen bargeldlos, übermitteln so ihre Daten, erhalten eine Nummer und warten auf die Nahrung.

    Einige Filialen sind mit Infoscreens an den Tischen ausgestattet. Auch während des Essens reißt der Informationsfluss niemals ab. Wie ferngesteuert sitzen die Leute davor und kauen. Geht es nur mir so, dass ich mir hin und wieder wünsche, eine Pommes-Schlacht anzuzetteln, um für ein bisschen Bewegung zu sorgen?




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    Dokument erstellt am 2017-09-28 17:03:08



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