• vom 29.09.2017, 15:57 Uhr

Glossen

Update: 02.10.2017, 14:54 Uhr

Glossenhauer

Enthüllen Sie sich!




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (15)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Severin Groebner

  • Glossenhauer
  • Der deutsche Innenminister träumt schon von Software, die Gesichter erkennt. In Österreich kommt dafür nun die Schleierahndung.

Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weiter Informationen unter www.severin-groebner.de

Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weiter Informationen unter www.severin-groebner.de Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weiter Informationen unter www.severin-groebner.de

Wie oft hat man das nicht schon bei Volksfesten, Rockkonzerten oder anderen Zusammenkünften organisierter Unvernunft (frei nach Michael Häupl) erlebt? Eine Frau betritt die Bühne, und wie der Hund nach dem Briefträger schnappt, beginnt ein Teil des männlichen Publikums automatisch mit dem Deppentestosteronchor: "Ausziagn! Ausziagn! Ausziagn!" Das geschah einst sogar bei einem Konzert der Lassie Singers in Wien, die darauf mit norddeutscher Kühle antworteten: "Ah. Da ist ein junger Mann, der möchte sich jetzt gerne ausziehen." Und Stille kehrte im Publikum ein.

Das sei nur vorausgeschickt, wenn es nun ums schwierige Thema der Verhüllung geht. Oder der Enthüllung der Verhüllung. Oder um die Hüllung im Allgemeinen. Es ist sehr komplex. Oder um es mit dem großen Poeten Wolfgang Petry zu sagen: "Das ist Wahnsinn! Warum schickst du mich in die Hülle? Hülle! Hülle! Hülle!" Oder so.


Ab Sonntag herrscht nämlich in ganz Österreich ein Verhüllungsverbot. Man und frau ist verpflichtet, vom Kinn bis zum Haaransatz sein Gesicht zu zeigen. Ausnahmen sind gesundheitliche Gründe, die Teilnahme an Traditionsveranstaltungen (vulgo Faschingsumzüge) und wenn die Verhüllung bei der beruflichen Tätigkeit unablässig ist, etwa für Chirurgen, Handwerker oder Clowns.

Das wirft natürlich mehrere Fragen auf: Darf sich ein Clown im Fasching noch als Chirurg verkleiden? Dürfen Handwerker mit Schweißschutzfilter beim Perchtenlauf Chirurgen operieren, wenn Ihnen das der Hausarzt verschreibt? Und wie vertragen sich eigentlich Helmpflicht und Enthüllungsgebot? Anders gefragt: Werden tiefreligiöse Muslimas demnächst in hautengem, schwarzem Lederzeug mit blickdichten Helmen auf Harleys ihre Runden durch Zell am See und auf der Ringstraße drehen? Wenn ja, was sagen ihre Männer dazu? Was Sebastian Kurz? Was der ÖAMTC?

Und was ist mit all den anderen, die ihr wahres Gesicht verbergen? Dürfen sich uralte, stockkonservative Parteien, die seit Jahren nur Klientelpolitik betreiben, Veränderungen bremsen und um Posten schachern wie auf dem Bazar von Ankara, eigentlich ungestraft eine türkise Tarnkappe mit abstehenden Ohren aufsetzen und sich "Bewegung" nennen? Wenn auch nur kurz.

Dürfen sich Rechtsradikale weiterhin übers Burschenschafterkapperl eine Trockenhaube stülpen, auf der "soziale Heimatpartei" steht, wo eigentlich "elitäre Russlandpartie" stehen müsste? Und wo bleibt der Kampf gegen die sprachlichen Verhüllungen? Wann reißt man endlich der "Minuszuwanderung", dem "Kulturbereicherer" und dem "Umerzieher" die Begriffsburka runter und sieht dann den altbekannten wie schlichten Slogans "Ausländer raus", "Bloßhapater" und "Kulturmarxist" in die blassblauen, bierbsoffenen Schweinsaugerln?

Es gibt noch so viel zu enthüllen. Und wenn man ab Sonntag durch die Straßen geht und sich all die Hackfressen, Sauschädeln, Oasch-
gsichta, Mundwinkelowezahrer und Ohrfeigengsichta mit ihrem depperten Gschau anschauen muss. . . dann kann man nur hoffen, dass der Winter sehr lang und sehr kalt und sehr windig wird. Denn dann werden alle ihr Ponem hinter langen Schals verstecken. Das ist nämlich noch erlaubt. Noch.




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-29 16:03:09
Letzte nderung am 2017-10-02 14:54:06



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Gerechtigkeit für Karl-Heinz!
  2. Parfüm des Aufstands
  3. Zustell-Intelligenz
  4. EU verbietet Sonnenbrand
  5. Österreich kann... es nicht glauben.
Meistkommentiert
  1. Österreich kann... es nicht glauben.
  2. Verständlichkeit und Klarheit statt Gendern
  3. "Was ist heute links?"
  4. Wer nicht für Kurz twittern sollte
  5. Gerechtigkeit für Karl-Heinz!

Werbung




Werbung


Werbung