• vom 06.10.2017, 15:58 Uhr

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Aus sicherer Entfernung

Ein Gefühl von Schalheit




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Von Isolde Charim

  • Die Causa Silberstein als Ausblick auf die Zukunft politischer Kommunikation.

Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.

Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien. Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.

Die Causa Silberstein ist eine verwirrende, undurchschaubare Verflechtung von unseriösen Machenschaften und undurchsichtigen Akteuren. Eines aber hat sie deutlich gemacht: Wir werden in Zukunft immer mehr mit taktischen Internet-Interventionen konfrontiert sein. Social Media erweisen sich als weitreichenderer Eingriff in die Politik, als uns das bislang bewusst war.

Durch Social Media werden die "Mechanismen der Verbreitung, der Überzeugung und der Mobilisierung neu gebildet", so Sascha Lobo. Daran herrscht kein Zweifel. Die Frage ist nur, wie diese sich neu bilden.

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Das Internet ist ja durchaus ein Versprechen gewesen - das demokratische Versprechen einer Teilhabe aller am öffentlichen Diskurs. Ja, es gab sogar mal eine Partei, die sich gänzlich diesem Versprechen verschrieben hatte - die Piratenpartei. Heute aber zeigt sich, dass das Versprechen der Teilhabe auch zum Einfallstor für deren genaues Gegenteil werden kann - zum Einfallstor für Manipulation.

Politiker aller Parteien zeigen sich dieser Tage voller moralischer Empörung. Im Publikum hingegen, also bei den Wählern, macht sich vielmehr eine ganz andere Empfindung breit: ein Gefühl von Schalheit. Manipuliert-Werden erzeugt Schalheit. Denn Manipulation heißt ja, dass das Eigenste, die eigenen Emotionen als Recheneinheit in einem Kalkül aufscheinen. Plötzlich finden wir unsere Gefühle in einem Reiz-Reaktionsschema wieder. Es zeigt sich, dass Mikrotargeting nicht nur das gezielte Versenden einer politischen Botschaft ist. Es kann auch als zielgruppengerechte Emotionsauslöser dienen. Je nach Gruppe ruft der entsprechende Reiz die gewünschte emotionale Reaktion hervor - ob Affirmation oder Empörung.

In seinem Selbstverständnis ist man ein autonomer, selbstbestimmter, frei handelnder Bürger. Und plötzlich findet man sich als manipulierte Masse wieder.

Und es zeigt sich, dass sich gerade die Social Media dafür eignen: Schon die Art und die Form dieser Kommunikation zielt nicht auf einen Austausch von Inhalten, sondern auf das Bilden von Gruppen - diese Blasen sind eigentlich Erregungsgruppen, die sich wechselseitig be- und verstärken. Schon das alleine macht sie hochgradig manipulationsanfällig. Dazu kommt aber noch, dass diese fragmentierten Öffentlichkeiten eine Kommunikation ohne jegliche übergeordnete Instanz sind. Im Unterschied zu jeder Art von analoger Öffentlichkeit gibt es etwa bei Facebook-Seiten weder eine verbürgte Autorenschaft noch eine kontrollierende Instanz. Das gegenwärtige Schweigen von Facebook zu den Anfragen nach den Betreibern der Fake-Seiten ist dafür symptomatisch.

Was wie die Verwirklichung der Utopie einer freien, rein horizontalen Kommunikation erschien, droht plötzlich in deren Abschaffung, in die Abschaffung tatsächlicher politischer Kommunikation zu kippen.

All dies macht die Social Media zum postdemokratischen Medium par excellence. Hier kann Öffentlichkeit und Kommunikation simuliert werden. Hier kann sich jede politische Strategie in reine Taktik auflösen. Hier kann das, was wir als politisches Handeln erleben zur politischen Passivität werden. Und das fühlt sich dann eben so an - schal.




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Dokument erstellt am 2017-10-06 16:04:05



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