• vom 07.10.2017, 11:00 Uhr

Glossen


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Selbstdisziplin




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Von Stefanie Holzer


    Stefanie Holzer, geboren 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.

    Stefanie Holzer, geboren 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.

    In meinem Bekanntenkreis gibt es einen jungen Mann, der seinen Eltern Vorwürfe macht, weil sie ihn nicht kulturnäher aufwachsen haben lassen. Sie hätten sich mehr mit kulturellen Themen befassen sollen, dann hätte er nie diese Distanz zum eigentlich Wichtigen, der Kunst, erleiden müssen. Hätte sein Vater das Radio nicht abgestellt, wenn etwa das "Opernkonzert" begann, fiele es dem Sohn, meint er, heute leichter, seine kultivierten Seiten zu pflegen.

    Vermutlich langweilen mich solche Klagen deshalb, weil ich mir in meiner Jugend ebenfalls den Luxus gestattete, Schuldige für allerlei dringlich empfundene Defizite außerhalb meiner Person zu finden. Ich weiß nicht, was der junge Mensch heute liest, wenn er in Selbstmitleid baden will. Zu meiner Zeit gab es mehrere Möglichkeiten. Richtig toll waren die Büchlein von Alice Miller in schön bunten Suhrkamp-Farben: Ich las, und in jedem Satz war von mir die Rede. Die Zumutungen in meinem Leben kamen gewiss nicht durch mich selber, sondern durch meine Eltern, Vorfahren, durch was-weiß-ich auf mich. Bei der Lektüre weinte ich bisweilen echte Tränen - und danach war mir wohler.

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    Richtig erwachsen, das muss ich gestehen, bin ich möglicherweise erst geworden, als ich selber Kinder hatte. Ob das Zufall war oder eine zwingende Konsequenz, sei dahingestellt. Bis dahin hatte ich jedenfalls die kindliche Eigenart nicht ganz verloren, alles, was passierte, irgendwie auf mich zu beziehen: Wenn jemand kurz angebunden mit mir sprach, tat er das, weil er mich oder meine Arbeit nicht schätzte. Dass dieser Jemand viel um die Ohren, dass er gerade mit seiner Frau gestritten haben oder schlicht nur müde sein könnte, das musste ich mir immer mühsam erarbeiten. Mit dem Erwachsenwerden dämmerte mir, dass ich mich besser zuvorderst um die Dinge kümmerte, die klar und unaufschiebbar waren. Danach könnte ich mir immer noch über die Kurzangebundenheit von X oder Y Gedanken machen.

    Eltern sind immer schuld: Entweder sie haben einen gezwungen, Gemüsesuppe zu essen, oder sie haben die Opernwerkstatt abgeschaltet. Merkwürdigerweise kann ich mich nicht erinnern, dass meine Mutter je über ihre Eltern gejammert hätte. Erzählte sie etwas aus ihrer Kindheit, das wir Kinder schockierend fanden, sagte sie stets nur: "Das war damals so."

    Ein bisschen von dieser Selbstdisziplin würde dem jungen Kunstfreund gut tun. Man kann die Vergangenheit nicht ändern, auch wenn man den Schuldigen gefunden zu haben glaubt. Besser schaut man in die Zukunft und macht selber alles richtig. Also nicht nur "À propos Oper" hören, sondern auch noch Lothar Knessls "Zeitton" entspannt genießen. Mal sehen, was die Kinder dereinst sagen, wenn sie dreißig sind.




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    Dokument erstellt am 2017-10-06 16:36:06



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