• vom 13.10.2017, 16:30 Uhr

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Wie wählen Sie?




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Von Isolde Charim

  • Das Hochamt der Demokratie hat sich in vielfältiger Weise säkularisiert.

Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.

Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien. Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.

Nach dem medialen Dauertrommelfeuer stellt sich die Frage - wie wählt man? Das meint nicht, was wählt man. Oder wen. Nein, die Frage ist: Wie wählt man?

Es gibt jene, die überzeugt wählen, aus einer Überzeugung heraus. Das bedeutet in völliger Übereinstimmung mit einem Programm, mit einer KandidatIn, mit einem politischen Wollen wählen. Für solch eine positive Identifizierung braucht es eine fixe politische Energie, eine gefestigte politische Identität. Dieser einstmals gängige Typus ist heute zu einer raren Spezies geworden.


Viel häufiger sind heute jene, die emotional wählen, aus einer Emotion heraus. Da gibt es die positive und die negative Variante. Aber wer wählt heute schon aufgrund eines positiven Affekts - etwa Hoffnung? Gerade in diesem Wahlkampf wurde viel Aufbruch suggeriert. Veränderung. Aber Aufbruch ohne Ziel. Veränderung um der Veränderung willen, ohne Angabe wozu und wohin - das löst keine Hoffnung aus. "Es ist Zeit"-Parolen, ohne Angaben, wofür es denn nun Zeit sei, suggeriert zwar ein Event, aber keine politische Perspektive. Die einzige positive Emotion, die das wecken kann, ist Aufgeregtheit.

So überwiegen bei den politischen Affekten heute die negativen Emotionen: Wut gegen Zustände. Hass gegen Personen. Rache. Ablehnung der Politiker, der Ziele, des Systems - das sind die negativen Motivationen des Wahlverhaltens. Es ist dies eine negative Identifizierung. Der weitestverbreitete Wahlzugang aber ist mittlerweile einer ohne Identifizierung, ob nun positive oder negative: der des distanzierten Wählers.

Das distanzierte Wählen - also das Wählen aus einer Distanz heraus, kennt etliche Spielarten. Da gibt es den nüchternen Wähler, der sich bescheidet und sowohl auf Identifizierung als auch auf Emotionen verzichtet und das wählt, was ihm als das "kleinere Übel" erscheint. Ein lustloser Vorgang.

Dann aber gibt es die große Gruppe der strategischen Wähler. Diese haben eine interessante Identitätsposition - die Vorstellung nämlich, die eigene Schlauheit sei raffinierter als die vorgegebene Situation. Ihr wollt mein politisches Bekenntnis? Aber ich berechne die Effekte. Ich bin schlauer, als ihr mich haben wollt - ich bin informiert, wissend, überblicke und durchschaue das ganze Spiel. Und da setze ich jetzt meine Markierung, meine Strategie: Ich wähle über die Bande. Ich wähle nicht den, den ich meine. Und ich meine nicht den, den ich wähle. So mache ich mich zum Herrn der Lage, der über die Bande das Spiel bestimmt. So kann man aus der Distanz, aus Mangel an ausreichender Übereinstimmung mit allen Parteien, mit allen Kandidaten zumindest noch den illusionären Mehrwert lukrieren, ein überlegenes Subjekt zu sein.

Eine dritte Variante des distanzierten Wählers ist das "Familiensplitting". Man deklariert die Familie zu einer Einheit, zu einer Kampftruppe, die der mangelnden eindeutigen Identifizierung dadurch begegnet, dass sie sich aufteilt, um das gesamte Feld möglicher politischer Präferenzen abzudecken. So wählt der Familientrupp arbeitsteilig - etwa rot, grün und Pilz.

Kurzum - das Hochamt der Demokratie hat sich in vielfältiger Weise säkularisiert. Und wie wählen Sie?




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Dokument erstellt am 2017-10-13 16:36:05



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