• vom 20.10.2017, 18:03 Uhr

Glossen

Update: 20.10.2017, 18:29 Uhr

Glossenhauer

Wir sind wieder wir




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Von Severin Groebner

  • Glossenhauer
  • Man gibt sich da und dort entsetzt über das Wahlergebnis. Dabei haben wir uns nur wieder gefunden.

Severin Groebner ist Kabarettist und Mitbegründer der letzten Wiener Lesebühne. Sein neues Programm "Der Abendgang des Unterlands" spielt er von 5. bis 7. Oktober im Kabarett Niedermair.

Severin Groebner ist Kabarettist und Mitbegründer der letzten Wiener Lesebühne. Sein neues Programm "Der Abendgang des Unterlands" spielt er von 5. bis 7. Oktober im Kabarett Niedermair. Severin Groebner ist Kabarettist und Mitbegründer der letzten Wiener Lesebühne. Sein neues Programm "Der Abendgang des Unterlands" spielt er von 5. bis 7. Oktober im Kabarett Niedermair.

Ist irgendwas passiert? Eigentlich nicht. Ein bisserl gewählt haben wir. Und zwar so, dass wir wieder einmal in die internationalen Schlagzeilen kommen. Das brauchen wir auch. Das ist kostenlose Werbung für den Tourismusstandort Österreich. Gerade jetzt, wo wir zahlungskräftige intolerante Kundschaft aus dem arabischen Raum mit Verhüllungsverboten verschrecken, ist es doch schlau, sich um anders gelagerte zahlungskräftige intolerante Kundschaft umzusehen. Da kommt doch so ein Wahlergebnis wie gerufen: Willst du Berge und braune Buddys? Komm nach Österreich!

Geht doch. Und sonst ist es ja nicht so schlimm. Ein paar kritische Stimmen von internationalen Medien, aufgeregte Stellungnahmen von heimischen G’scheithappeln, die sich "Intellektuelle" nennen, und eine kleine Randbemerkung von Jean Claude Junker. Na und? Das war’s. Wenn’s sonst nix ist . . . das stecken wir weg.


Von den jetzt sich echauffierenden Blättern gibt es in zehn Jahren eh die Hälfte nicht mehr. Die hysterischen Künstlerhendln interessieren uns eh nicht, weil wir lieber in der "Tierecke" lesen. Und in einem Land, in dem die schöne Beleidigung "Wann i du warat, warat i lieber i" erfunden wurde, tangiert uns der g’fäulte Schmäh von einem Luxemburger net amal perifer.

Was soll uns schon passieren? Mei, ein, zwei, drei oder vier rechtsradikale Burschenschafter in der Regierung . . . was ist das schon, wenn man sich im Gegensatz dazu Venezuela anschaut? Oder Haiti. Oder die Philippinen! Na? Was das damit zu tun hat? Weiß ich auch nicht, lenkt aber gut ab. Was war die Frage noch einmal? Eben.

Es ist doch einmal wieder Zeit, die zu werden, die wir immer schon waren. Schluss mit diesem liberalen, weltoffenen Getue. Das passt doch nicht zu uns. Wer hat denn schon vor Jahrhunderten die Protestanten vertrieben? Wer die Gegenreformation europaweit gesteuert? Wer hat sich gegen die Französische Revolution gestellt? Wer hat gesagt: "Wer ein Jud ist, bestimm’ i", und mit diesem Philoantisemitismus Wahlen gewonnen? Wer stand im März ’38 an den Straßen und hat die rechte Hand ausgestreckt, weil er wissen wollte, ob es regnet? Und wer hat die NS-Verbrecher alle verurteilt . . . und anschließend begnadigt? Ja, soll die Welt doch glauben, dass wir lauter kleine Mozarts, Freuds und Krauss sind, wir wissen: Wir sind anders. In unserer Brust schlägt immer noch das Herz eines Unteroffiziers. Ein fescher Leutnant sind wir. Ein Gustl. Vielleicht auch ein Ungustl, aber zwei Seiten derselben Verdienstmedaille. Und wir können das eben sehr gut, das Parieren. Deshalb schimpfen wir auch auf Ausländer und Flüchtlinge, weil die eben kein Wahlrecht haben. Und sich daher auch nicht politisch artikulieren können. Das ist doch praktisch für uns. Wer das Volk ist, bestimm immer noch ich. Eh kloa.

Oder anders gefragt: Wozu haben wir denn jetzt ein Verhüllungsverbot, wenn wir nicht der Welt unser wahres Antlitz zeigen dürfen? So schauen wir eben aus: Ein bisserl Herr Karl, ein bisserl Herr Engelbert, ein Haucherl Herr Adolf, und dazu spielen wir ein wengerl völlig unpolitischen Volksrock’n’roll.

Passt doch. Pudelt’s euch do net so auf. Wir sind endlich wieder wir.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-10-20 18:08:03
Letzte ─nderung am 2017-10-20 18:29:03



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