• vom 09.11.2017, 16:19 Uhr

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Update: 09.11.2017, 18:07 Uhr

Maschinenraum

Das Medium, die Botschaft




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Von Walter Gröbchen

  • Maschinenraum
  • #metoo ist aktuell die mächtigste Bewegung. Aber sind Social-Media-Überdruckventile nicht zuvorderst profitgeile Durchlauferhitzer realer Ohnmacht?



"Dies ist mein letztes Posting auf Facebook. In wenigen Tagen werde ich mein Profil endgültig löschen. Wer mit mir in Kontakt treten will: Es gibt andere Wege." Diese Sätze stammen nicht von mir. Aber ich lese sie immer häufiger. In genau jenem Medium, das zugleich die Botschaft ist. Die Botschaft, dass dieser Kommunikationsweg demnächst flachfällt. Hier weitere Belegstücke für einen Trend (alle entstammen meinem persönlichen Online-Freundeskreis, Namen sind unerheblich): "Anhand der #metoo- und Pilz-Debatte der letzten Tage merke ich erst, wie sehr mich Facebook beschäftigt und wie tief es mich anwidert." Oder: "Es geht mir genauso. Es macht mich wahnsinnig." Oder.

Ich könnte Facebook, Twitter & Co. jetzt entschieden nach weiteren Wutausbrüchen, Verzweiflungsbekundungen und Abschiedsworten durchforsten, aber es reicht. Die Erkenntnis, dass wir mit unseren Emotionen eine Maschine befeuern, die genau diesen Brennstoff braucht, um uns immer tiefer in ihren dunklen Schlund hineinzuziehen, setzt sich allmählich durch. It’s business, baby! Das altehrwürdige (?) Zeitungsgewerbe des 20. Jahrhunderts hat anders funktioniert, kühler, distanzierter - zu einem Leserbrief hat sich kaum jemand hinreißen lassen. In den Foren der Online-Ausgaben tobt der Wutbürger dagegen dito ungeniert. Letztlich sind wir alle süchtig geworden: nach Aufmerksamkeit, nach Anerkennung, nach Auseinandersetzung. Dass der mächtigste Sugardaddy Zuckerberg heißt, ist ein Treppenwitz der Geschichte. Dabei gilt generell die finale Schleudersitz-Regel (ja, per Facebook-Spontanumfrage schreibt sich eine Kolumne wie diese fast von selbst): "Twitter ist das einzige Irrenhaus, aus dem man sich selbst entlassen kann."


Freilich warten viele vor der lauthals verkündeten Selbstheilung durch Askese ab, welche Sau als nächste durchs Dorf getrieben wird. #metoo etwa ist seit wenigen Wochen das mächtigste Kürzel der virtuellen Welt - mit denkwürdigen Folgen in der realen (macht die Trennung noch Sinn?). Aber ändert sich wirklich etwas, konkret und nachhaltig? Kann eine Twitter-Botschaft mit (neu!) 280 statt 140 Buchstaben, Ziffern und Zeichen die Welt aus den Angeln heben? Ist es ein Oxymoron, auf Facebook sein Gesicht zu wahren? Und darf die Ankündigung der Plattform, bezahlte Werbebotschaften und Artikel zu forcieren und alles andere unmerklich in den Hintergrund zu drängen, nicht als ungenierter Affront gelten? Es wird jedenfalls immer schwieriger, komplexer, enervierender, in diesem Tohuwabohu den Überblick zu behalten. Es geht ans Eingemachte, bisweilen in persönlichste Gewissenserforschung. Man ist geneigt, den alten Silberrücken Nietzsche zu zitieren: "Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein."

Dennoch, es finden sich auch positive Stimmen. "Wie anstrengend diese Auseinandersetzung rund um #metoo auch ist, hier auf Facebook genauso wie im analogen Leben, sie bringt gleichzeitig unglaublich gescheite, differenzierte, oft auch witzige, vor allem aber zukunftsweisende Überlegungen hervor, so dass ich immer wieder beglückt bin!" Zugegeben: Viele sind es nicht (mehr), die so tönen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-11-08 16:23:14
Letzte Änderung am 2017-11-09 18:07:34



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