• vom 11.11.2017, 14:00 Uhr

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Fest der Ängstlichen




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Von Stefanie Holzer


    Stefanie Holzer, geboren 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.

    Stefanie Holzer, geboren 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.

    Ein paar Tage vor Allerheiligen holte ich meine Töchter bei ihrer Freundin ab. Als ich mich beim Smalltalk mit der Mutter in der Küche gegen die Anrichte lehnte, erschrak ich: Vor mir lag eine aus weichem Kunststoff gefertigte grausige Hand mit langen schwarzen Fingernägeln. Am Boden meinte ich kleines Getier wahrzunehmen. Auf dem Balkon hing ein Schädel mit Hut und schwarzem Umhang, der sich im Wind bauschte. Man bereitete sich offenbar auf Halloween vor. Die Hausherrin versicherte mir, dass sie dieses Fest sehr viel lieber feiere als den Fasching mit seinen bunten Verkleidungen.

    Ich kann da eigentlich nicht mitreden, gehöre ich doch zu jenen bornierten älteren Semestern, die Halloween für gänzlich entbehrlich halten. Und die ach so lustige Faschingszeit hatte ich auch stets ignoriert, bis meine Kinder das Verkleiden bei uns mit Macht einführten.


    Allen Verkleidungsunternehmungen wohnt der Wunsch inne, für die Dauer des Verkleidens jemand anderer oder doch man selbst zu sein. Man probiert aus, wie man sich als Prinzessin, Fee oder Westernheld fühlt. Wunderbar ist es, wenn man feststellt, dass einem nichts fehlt, wenn man ohne Revolver und ohne Zauberstab durchs Leben geht.

    Was ist nun der Gewinn bei der Halloween-Verkleidung? Für Kinder mag es um Süßigkeiten gehen. Aber Erwachsene? Die Dame, in deren Küche eine abgetrennte Hand zu Dekorationszwecken herumlag, fürchtet sich, das hatten mir meine Töchter einmal erzählt, sehr vor Spinnen. Wenn sich in diesem Haushalt irgendwo eine Spinnerin anschickt, ein Netz zu weben, dann muss der Papa kommen und das Untier unverzüglich entfernen. Als das Töchterlein der Spinnenphobikerin einmal bei uns übernachtete, entdeckte sie zwingenderweise eine Spinne auf dem Plafond. Ich wurde gebeten, den Missstand zu beheben. Das ließ sich jedoch nicht machen. Das Tier saß ganz oben in der Dachschräge, in die keine unserer Leitern reicht. Obendrein gelten Spinnen bei uns als nützlich.

    Halloween ist, das reimte ich mir zusammen, das Fest der Ängstlichen. Kinder, die sich sonst vor der Dunkelheit fürchten, laufen an jenem Abend durch die Nacht und rufen gebieterisch "Süßes oder Saures!" Und meine Bekannte bannt ihre Angst vor Geistern, Spinnen und wohl auch dem Tod, indem sie sich selbst als Tote verkleidet. Sie amüsiert sich darüber, dass ihr Mann und ihre Kinder auch als Geister herumlaufen. Mich überkommt angesichts solchen Frohsinns Melancholie. Meine Angst vor dem Tod muss, obwohl mich weder Spinnen noch Dunkelheit aus der Ruhe bringen, viel größer sein. Äußerliche Anwendungen nützen da nichts.




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    Dokument erstellt am 2017-11-10 16:32:05



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