• vom 11.11.2017, 11:00 Uhr

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Von Hans-Paul Nosko


    Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien.

    Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien. Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien.

    Wer in einem Büro arbeitet, kennt das: Ein Kollege fragt, wer nach Dienstschluss noch auf ein Bier mitgeht. Die Antwort hängt von etlichen Faktoren ab: Was man selbst vorhat, wie müde man ist und, ganz wichtig, wer aller dabei ist. Manche sind von einem solchen Vorhaben prinzipiell begeistert, andere wiederum wollen jeglichen privaten Kontakt vermeiden. Eine kürzlich durchgeführte Umfrage drückt diese unterschiedlichen Gefühlslagen hervorragend aus: Nur jeder achte Österreicher sagt immer zu, jedem Dritten ist so ein Ansinnen einfach lästig und ein gutes Viertel befindet, die jährliche Weihnachtsfeier reiche völlig aus.

    Ein ganz spezieller "After-Work-Drink" wird mir ewig in Erinnerung bleiben. In dem Unternehmen, in dem ich nach dem Studienabschluss arbeitete, war es unter den jungen Mitarbeitern Sitte, am Freitag Abend in einem nahe gelegenen Wirtshaus die Woche ausklingen zu lassen. Das war eine feine Sache, und ich ging jedes Mal mit. Einmal jedoch war ich verhindert. Mein Chef wollte mit mir nach Büroschluss noch ein paar Dinge besprechen. Um den nicht-dienstlichen Charakter dieser Unterredung von vorne herein klarzustellen, sagte er: "Wir werden zusammen ein Bier trinken." Und er trug mir auf, die Vorstandssekretärin um den Schlüssel zum Kühlschrank zu ersuchen und diesem für ihn und mich je eine Flasche Bier zu entnehmen - ein Privileg, das ansonsten nur einigen hochgestellten Managern zustand.


    Was mein Vorgesetzter, der, wie man so sagt, eine Seele von einem Menschen war, mir dann erklärte, war von unschätzbarem Wert: Es ging darum, wie man den Kolleginnen und Kollegen unserer Abteilung am besten begegnete, um mit ihnen gut auszukommen. Also, bei wem man welche Themen besser nicht anschneidet, wer zwar nach außen hin rau erscheint, jedoch ein weiches Herz hat und anderes Zwischenmenschliches mehr. Nach einer Weile hatten wir unser Bier ausgetrunken, und mein Chef bat mich, noch zwei Flaschen zu holen. Zu meiner Bestürzung musste ich ihm gestehen, dass dies nun nicht mehr möglich sei, da die Vorstandssekretärin bereits nach Hause gegangen sei, ich ihr zuvor den bewussten Schlüssel zurückgegeben und sie diesen mitgenommen hätte.

    Mein Chef sah mich starr an und fragte mich dann, warum in aller Welt ich das getan hätte. Ich erwiderte, er habe gesagt, wir würden ein Bier trinken, und da hätte ich eben gedacht, dass es mit den beiden Flaschen sein Bewenden haben würde. Der gütige Mann seufzte tief und sagte: "Mein Sohn, ich sehe, dass Sie in diesem Unternehmen noch viel zu lernen haben: Wenn ich sage, dass wir ein Bier trinken, so heißt das nicht, dass wir danach nicht noch eines trinken werden."

    Damit war meine Unterweisung in die essenziellen Angelegenheiten des Unternehmens für dieses Mal beendet - und ich durfte meinen Heimweg antreten.




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    Dokument erstellt am 2017-11-10 16:32:09



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