• vom 17.11.2017, 18:14 Uhr

Glossen

Update: 21.11.2017, 10:38 Uhr

Glossenhauer

Wer sich empört, lebt verköhrt




  • Artikel
  • Kommentare (5)
  • Lesenswert (22)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Severin Groebner

  • Glossenhauer
  • Nebensächlichkeiten regieren die Welt. Und die künstliche Aufregung ist ihr Prophet.

Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weiter Informationen unter www.severin-groebner.de

Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weiter Informationen unter www.severin-groebner.de Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weiter Informationen unter www.severin-groebner.de

"Empört euch!" hieß vor ein paar Jahren ein Buch. Kurz darauf entstand der Begriff Wutbürger. Danach wurde Gutmensch zum Schimpfwort. Und dann kam Sebastian Kurz. Das ist freilich eine zeitliche Abfolge, keine kausale. (Kausal kennst du nicht? Dann schmeiß mal Google an, du Opfer!) Heute muss man niemandem mehr sagen, dass er oder sie sich empören soll. Das geht von selbst. Das ist das allerliebste Hobby von allen geworden. Das "Time Magazine" nimmt ein Wiener Mädchen, das Apple zu einem Emoji mit Kopftuch animiert hat, in die Liste der 100 einflussreichsten Teenager auf. Zweifelsohne eine schmeichelhafte Auszeichnung, deren Einfluss sicher so groß ist wie ein umgefallener Sack Reis in China, ein aufgestellter Sack Kartoffeln in Oberösterreich oder ein beliebiger Kleinkunstpreis im deutschsprachigen Raum. (Das können Sie mir glauben, ich hab einige davon. Reis auch. Sowie Kartoffeln.)

Und was passiert? Die junge Dame wird mit Hass-Mails überschüttet. Und der FPÖ-Politiker Gudenus (dessen Name eigentlich wie der Name eines nicht sehr hellen Legionärs bei "Asterix" klingt) nennt das in einem Facebook-Posting "Irrsinn". Vielleicht meint er sich aber auch selbst. Ähnlich irrsinnig ist auch die Aufregung über das Wortspiel eines Sportreporters (die ja, wie man spätestens seit Staberl weiß, auch nicht die schnellsten Rehe im Wald sind). Hat der doch tatsächlich gesagt, dass "die Franco-Ära in Spanien beginnt". Gemeint war zwar der neue Trainer der Fußball-Nationalmannschaft, aber letztlich hat der Sportreporter historisch recht. Die Franco-Ära begann tatsächlich in Spanien - und endete auch dort. Da kann man ja von Glück sagen, dass die Leute noch gar nicht wissen, was "Gratis-Geschlechtsverkehr" auf Portugiesisch heißt . . .


Was daran verwundert: Wieso darf man eigentlich keine blöden Witze mehr machen? Waren nicht noch vor zwei Jahren alle total für die Meinungsfreiheit, als islamistische Terroristen Satiriker hingemordet hatten? "Je suis Charlie"? Nein? Oder heißt das jetzt "Je suis Charles Manson"? Vielleicht ist ja das der Grund, warum noch kein Kollege im Rahmen der "#metoo"-Geschichte und der sexuellen Übergriffe durch den Abgeordneten Pilz ein Wortspiel über vaginale Mykose gemacht hat. Denn der könnte was erleben. Empörung nämlich. Weil sonst fällt den Leuten ja nichts mehr ein.

Empörung ist in erster Linie eine Abwesenheit von Fantasie. Wenn ich gar nichts mehr zu sagen habe, frei von Talent und Schlagfertigkeit bin, dann empöre ich mich. Und schreie: "Das geht doch nicht!", "Das darf man doch nicht sagen!", "Das ist doch eine Frechheit!" und wirke dabei so lässig und cool wie eine überkandidelte polnische Klosterschwester mit Bluthochdruck. Oh, war das jetzt klosterschwesterfeindlich? Oder polenbeleidigend? Oder war das Artielle-Hypertonie-Diskriminierung? Und ist der Begriff "überkandidelt" schwer für Zuckerkranke zu ertragen? Gut, dann machen wir nur noch Witze über Salzstreuer. Während man einander das Schmähführen verleidet, gibt es in Österreich einen Zuwachs an Millionären von 15 Prozent. Und keine Vermögenssteuer. Aber darüber regt sich niemand auf. Schmähstad wahrscheinlich.




5 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-11-17 18:17:03
Letzte nderung am 2017-11-21 10:38:47



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Vielleicht ist der Vollholler mit dem Vollkoffer verwandt
  2. Gerechtigkeit für Karl-Heinz!
  3. EU verbietet Sonnenbrand
  4. "Was ist heute links?"
  5. Österreich kann... es nicht glauben.
Meistkommentiert
  1. Österreich kann... es nicht glauben.
  2. "Was ist heute links?"
  3. Wer nicht für Kurz twittern sollte
  4. Gerechtigkeit für Karl-Heinz!
  5. Vielleicht ist der Vollholler mit dem Vollkoffer verwandt

Werbung




Werbung


Werbung