• vom 24.11.2017, 17:08 Uhr

Glossen

Update: 27.11.2017, 17:56 Uhr

Glossenhauer

Das Gute und das Bürgerliche




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Von Severin Groebner

  • Glossenhauer
  • Manchmal serviert einem das Leben recht unverdauliche Kost. Im Gasthaus etwa. Und dabei geht’s gar nicht ums Essen.

Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weiter Informationen unter www.severin-groebner.de

Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weiter Informationen unter www.severin-groebner.de Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weiter Informationen unter www.severin-groebner.de

Ein Gasthaus in Graz. Sehr gute gutbürgerliche Küche. Ebensolches Publikum. Am Nebentisch vier Personen, zwei Männer und zwei Frauen. Ihre Lodenmäntel hängen ordentlich am Kleiderständer. Das Essen ist bereits abserviert, man trinkt Wein. Im Lauf des Gesprächs stellt sich heraus: Es handelt sich um Bruder und Schwester mit den jeweiligen Lebenspartnern.

Da betritt ein Mann das Lokal, der sich - schlecht - als Charlie Chaplin verkleidet hat. Genauer gesagt, wirkt er mit seiner massigen Statur so, als ob sich John Goodman nach einer viel zu langen Nacht das Gesicht geschminkt und in einen Kostümverleih eingebrochen hätte. Er steuert auf einen Tisch zu. Da ruft plötzlich vom Nebentisch Mann 1: "Den kenn ich! Das ist ein Gauner!" Charlie Goodman ist verunsichert. "Gauner!", ruft Mann 1 durch das Lokal. Und immer wieder: "Gauner! Gauner! Gauner!" John Chaplin verschwindet unverrichteter Dinge.


Frau 1 sagt zu Mann 1: "Ich mag das nicht, wenn du so herumplärrst."

Mann 1: "Das ist mein gutes Recht!"

Frau 1: "Aber nicht, wenn du mit mir unterwegs bist."

Mann 1 schnaubt kurz und wechselt dann das Thema. Es geht um die Fischgründe in der Obersteiermark, die er Gott sei Dank verkauft habe. Denn die seien ja mittlerweile wertlos. Gerade rechtzeitig habe er sie diesem Wiener angedreht. "Des hast guat gmocht!", lobt ihn seine Schwester (Frau 2). Anschließend entspinnt sich ein Dialog zwischen Mann 1 und Mann 2, der anscheinend sein Anwalt ist, über die Frage, ob Mann 1 die (nicht anwesende) Frau XY nicht enterben könne. "Nein", sagt Mann 2, "dazu müsste sie schon ein Kapitalverbrechen begangen haben. Mord oder so was." Mann 1, der an sich schon sehr laut spricht, wird noch lauter: "Und dass sie mich verklagt hat, reicht nicht? Das ist ja eine Frechheit! Aber Pflichtteil geht, oder?" Das wäre kein Problem, versichert ihm Mann 2.

Das Gespräch landet bei der Politik und den laufenden Regierungsverhandlungen. Mann 1 ist sich sicher, dass die "Schwarzen" sicher wieder umfallen würden. Das habe ihm "der Thomas" gesagt, der - wie sich wenig später herausstellen sollte - ein FPÖ-naher Industrieller ist. Und während Frau 1 auf der Toilette ist, fragt Mann 1 die beiden Verbliebenen, ob sie "eh mit auf die Julfeier" kämen. Beide bejahen. Er, Mann 1, wisse nur nicht, wie er Frau 1 dazu bringen könne, mitzukommen. "Des moch ma scho", sagt Frau 2.

Danach widmet man sich wieder dem Geschäft. Was denn mit der Wohnung in Graz sei, will Mann 2 von Mann 1 wissen. Der antwortet: "Da hab ich so an Serben drinnen. Aber den hau i bald ausse. Der zahlt zu wenig." Wie viel er denn zahle, möchte Frau 2 wissen. Mann 1 nennt eine Zahl, worauf sie hörbar empört schnaubt: "Das ist viel zu billig! Da kannst locker an Tausender mehr verlangen!" Aber, meint Mann 1, er habe schon einen Plan: Nach dem Ende des Mietvertrages solle der Serbe die Wohnung renovieren und weiterhin schwarz darin wohnen dürfen. Und danach werde er ihn "aussehauen".

Spätestens da hat mir die gutbürgerliche Küche nicht mehr geschmeckt.

Doch was tun? Aufstehen und "Gauner! Gauner! Gauner!" rufen?

Nein, lieber eine Kolumne schreiben. Eine gutbürgerliche natürlich.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-11-24 17:11:03
Letzte nderung am 2017-11-27 17:56:04



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