• vom 28.11.2017, 16:06 Uhr

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Update: 29.11.2017, 14:14 Uhr

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Verständlichkeit und Klarheit statt Gendern




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Frankreichs Premier Édouard Philippe verbietet seinen Beamten in einer Dienstanweisung die Gender-Schreibweise mit Punkten.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.


Die Meldung machte letzte Woche die Runde, ich bin auf der Internetseite der Berliner Tageszeitung "Die Welt" auf sie gestoßen: Der französische Premierminister Édouard Philippe schreitet gegen Auswüchse der genderneutralen Schreibweise ein.

Dabei hatte man in Frankreich bis vor kurzem nicht einmal damit ein Problem, Frauen mit männlichen Titeln anzureden: "Madame le directeur". Doch auch in Frankreich regte sich Widerstand. Da im Französischen das weibliche Geschlecht durch ein stummes Endungs-e oder durch die Endung -rice angezeigt werden kann, wird die Genderneutralität von Wörtern markiert, indem man die entsprechenden Wortbildungselemente durch Punkte in mittlerer Zeilenhöhe trennt. Das nennt man "inkludierende Schreibweise".


Demnach werden aus den Abgeordneten "les deputé·e·s" und aus den Wählern "les électeur·rice·s". Lange waren solche Schreibweisen auf kleine Kreise von Aktivisten begrenzt, doch vor zwei Monaten ist das erste französische Schulbuch mit dem "point médian" erschienen.

"Das war offenbar der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte", schreibt "Die Welt". Frankreichs parteiloser Premierminister hat jetzt seine Beamten aufgefordert, die Schreibung mit Punkten und andere inklusive Formen nicht anzuwenden. Der Premier begründete dies in einer Dienstanweisung so: "Die wichtigen Staatsverwaltungen müssen sich aus Gründen der Verständlichkeit und der Klarheit an die grammatischen und syntaktischen Regeln halten." Die neue Vorschrift gilt besonders für Texte im amtlichen Verlautbarungsorgan der französischen Regierung.

Darüber hinaus untersagte Philippe seinen Beamten auch eine französische Spezialität: den "accord de proximité". Dieser besteht darin, dass das Geschlecht eines Adjektivs sich nach dem ihm am nächsten stehenden Nomen zu richten hat. Das war im Altfranzösischen möglich, im modernen Französisch nützt man, wenn maskuline und feminine Substantive gereiht werden, die männliche Form. Das soll so bleiben, zumindest in amtlichen Texten. Am 7. November hatten 314 Professoren angekündigt, diese Regel, wonach das Maskulinum den Vorrang vor dem Femininum hat, nicht mehr zu befolgen. Mit seiner Anweisung befindet sich Philippe im Einklang mit der Académie française, der obersten Regelungsinstanz für Fragen der französischen Sprache.

In zwei anderen Punkten will der von Präsident Macron ernannte Premierminister den Forderungen nach einer gendergerechten Sprache entgegenkommen: Wenn die bezeichnete Person eine Frau ist, soll in amtlichen Dokumenten künftig die weibliche Form der entsprechenden Amts- oder Berufsbezeichnung gewählt werden. Und in amtlichen Stellenanzeigen sollen künftig die männliche und die weibliche Form gebraucht werden.

Das alles klingt vernünftig und könnte beispielgebend sein. Doch hierorts wird amtlicherseits fast lückenlos gegendert, und manche Gesetzestexte sind kaum noch zu verstehen. Schüler und Studenten bekommen schlechtere Noten, wenn sie auf das Gendern verzichten - obwohl es keine rechtliche Grundlage dafür gibt. Das Thema Gendern sollte auch in den türkis-blauen Koalitionsverhandlungen angegangen werden.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-11-28 16:11:10
Letzte nderung am 2017-11-29 14:14:03



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