• vom 01.12.2017, 16:25 Uhr

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"Was ist heute links?"




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Von Isolde Charim

  • Das Aufgreifen einer oft gestellten Frage.

Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.

Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien. Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.

Hans Rauscher hat die Frage gestellt: Was ist heute links? Er meint, links - also sozialdemokratisch links, das war der Nachkriegsdeal: Arbeitsplätze und soziale Absicherung gegen Unterstützung von Partei und Gewerkschaften. Ein Deal, der seit dem Ende der Verstaatlichten nicht mehr greife. Der Erfolg der Linken war aber - paradoxerweise - kein rein materieller. Sie haben den Arbeitern vielmehr eine Identität erkämpft. Sie haben den Unselbständigen (was
für ein Wort) eine Position in der Gesellschaft erobert. Mit Ansprüchen und einer Vertretung dieser Ansprüche.

Dieser Deal sei zugleich "erfüllt und gefährdet", so Rauscher treffend. Gefährdet aber ist vor allem die identitäre Absicherung. Die Arbeiter erleben die gesellschaftlichen Veränderungen als Statusverlust, als mangelnde Anerkennung. Und genau da greift rechte populistische Politik. Sie ist es, die heute den Arbeitern Anerkennung und Status anbietet - aber nicht als Arbeiter, sondern als nationale Subjekte. Soll also die Linke jetzt ein Gegenangebot machen?


Das Problem ist, dass wir heute ökonomische Parallelgesellschaften haben: das gewerkschaftlich befestigte Gelände der sozialen Mitte, inklusive der ehemaligen Proletarier - und gleichzeitig den Bereich der neuen Ausbeutung (von den Saisonarbeitern bis zu den Paketausträgern), der die gewerkschaftlichen und oft auch die gesetzlichen Regelungen umgeht. Prekäres Arbeiten also in autoritären Strukturen. Wäre das nicht das neue Feld für linke Politik? Sollte eine Rückbesinnung auf die eigenen "Grundlagen" (Rauscher) nicht hier beginnen? Sind das nicht Ungerechtigkeiten, die neuer solidarischer Antworten bedürfen?

Das Problem ist nur, dass das nicht nur die Ökonomie, sondern auch die linke Erzählung spaltet. Denn der prekarisierte "Kontingenzarbeiter" (Oliver Nachtwey), lose verbunden mit dem Betrieb und unzureichend geschützt, mag die allgemeine Zukunft sein - heute ist es die Gegenwart von Jungen und vor allem von Migranten. Und hier beginnt das Problem der Linken. Woraus soll sich die neue Solidarität speisen? Wie soll eine solidarische Erzählung die rivalisierenden Bedürfnisse verbinden? Wer soll Träger ihrer Gerechtigkeitserzählung sein? Die Rechten haben ein eindeutiges Subjekt, das nationale. Die Linke hingegen ist gefangen zwischen Bedürfnissen, die nicht auf einen allgemeinen Nenner - die Entrechteten oder die Ausgebeuteten - zu bringen sind. Wie soll sie Solidarität zwischen österreichischen Arbeitern, die sich auf ihre Produktivität berufen, und Flüchtlingen, die als unproduktive Belastung angesehen werden, herstellen? Welche Vorstellung von Gerechtigkeit kann all das erfassen?

Eine solche scheint nur als Moral bei den Bobo-Wählern - bei der bürgerlichen Linken also zu überleben. Diese teilen eine universalistische Gerechtigkeitsvorstellung, die nicht aus ihrem ökonomischen Status folgt, sondern vielmehr aus der sozialen Scham über eben diesen Status.

Wenn man links und rechts bestimmen will, dann muss man festhalten: Arbeiter wählen heute rechts und moderne Eliten wählen links - nicht aufgrund, sondern entgegen ihren (materiellen) Interessen. In beiden Fällen.




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Dokument erstellt am 2017-12-01 16:29:17



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