• vom 05.12.2017, 16:28 Uhr

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Sedlaczek am Mittwoch

Wer nicht für Kurz twittern sollte




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Eine Nachricht des präsumtiven Bundeskanzlers in den Sozialen Medien hat für ein Rauschen im Blätterwald gesorgt - zu Unrecht übrigens.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.


Ein Tweet von Sebastian Kurz hat unlängst viel Staub aufgewirbelt. Das Nachrichtenmagazin "Profil" hat es zusammen mit der Frage "Finde die Fehler!" veröffentlicht. Nehmen wir diese Idee auf. Wie viele Fehler gab es? "Haben klares Bekenntnis zum differenziertem & leistungsförderndem Schulsystem. Darf nicht sein, dass Kinder nach d Volksschule nicht sinnerfassend lesen können und Jugendliche nach d Schulpflicht nicht über notwendige Grundkompetenzen verfügen, d es für weiteren Weg braucht."

Das Rauschen war übrigens im Blätterwald des Boulevards besonders groß, also in jenen Medien, die mit der Rechtschreibung häufig auf Kriegsfuß stehen. Doch für eine Kritik an Sebastian Kurz gibt das Thema nichts her. Nur ein Naivling wird glauben, dass er jene Meldungen, die auf Twitter unter seinem Namen erscheinen, selbst liest - geschweige denn verfasst. Man könnte ihm höchstens vorwerfen, dass er Mitarbeiter einstellt, die Rechtschreibfehler machen.


Wer in den Sozialen Medien unterwegs ist, der weiß, wie derartige Fehler entstehen. Bei Twitter galt lange Zeit eine Begrenzung auf 140 Zeichen. Weil viele Nutzer dies als zu knapp erachteten, hat Twitter vor kurzem die Zeichenmenge verdoppelt. Dies wurde heftig kritisiert: "Wer sich nicht kurzfassen kann, der hat auf Twitter nichts verloren! Soll er doch zu Facebook gehen!" Twitter hatte in seiner Anfangsphase SMS-Dienste benützt - von daher die rigorose Zeichenbeschränkung.

Der Verfasser des Tweets im Namen von Sebastian Kurz stand unter diesem Zwang. Er konnte sich nicht kurzfassen, hatte sogar Probleme mit der 280-Zeichen-Grenze. Deshalb musste er radikal kürzen. Er wollte vermutlich schreiben: "Wir haben ein klares Bekenntnis zu einem differenzierten und leistungsfördernden Schulsystem abgegeben..." Die Einleitung wurde gestrichen: "Klares Bekenntnis zu einem differenzierten und leistungsfördernden Schulsystem..." Daraus könnte werden: "Klares Bekenntnis zu differenziertem und leistungsförderndem Schulsystem." Wenn auch noch "zu" auf "zum" geändert wird, ist der Pallawatsch da.

Aufgrund der Mengenbegrenzung ist es bei Twitter üblich geworden, den zweiten und dritten Buchstaben des Artikels wegzulassen und nur noch "d" zu schreiben. Auch das macht der Kurz-Mitarbeiter in seiner Not - sein Tweet hat noch immer mehr als 280 Zeichen.

Die Artikel "der", "die", "das" zu kastrieren, nur um das Zeichenlimit zu erfüllen, tut mir weh. Wer sich nicht kurzfassen kann, der soll nicht für Kurz twittern - zugegeben, ein nicht besonders niveauvolles Wortspiel. Aber ich glaube, dass beim Twittern auch die Verständlichkeit ein Kriterium ist - die Tweets von Donald Trump, die er vermutlich im Gegensatz zu den österreichischen Spitzenpolitikern selbst absondert, sind ein gelungenes Beispiel. Selbst ein Redneck weiß sofort, was Trump meint.

In unserem Beispiel muss man lange grübeln, wie der Schluss des Tweets gemeint ist. Auf "Jugendliche" kann sich "es" nicht beziehen. Vermutlich ist der Text so zu verstehen: "...die es für den weiteren Weg braucht." Also: "Es braucht Grundkompetenzen." Das wäre nicht schönes Deutsch, aber immerhin korrekt.




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Dokument erstellt am 2017-12-05 16:32:05



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