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Update: 16.01.2018, 13:29 Uhr

Sedlaczek am Mittwoch

Nur Rares ist Wahres




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Wenn ich auf ein Wort stoße, das ich nicht kenne, werde ich hellhörig. Spannend wird es, wenn der Ausdruck in den Wörterbüchern nicht vorkommt.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.


In diesen Tagen findet man in vielen Zeitungen amüsante Beiträge mit der Überschrift "Die besten Sprüche des Jahres". In kaum einer dieser Listen fehlt der Name Marcel Hirscher, denn unser Nationalheld ist ein exzellenter Kommunikator. Er hat einen großen Wortschatz und viele seiner Stellungnahmen zeichnen sich durch Sprachwitz aus. Hirschers Diktion ist eine Mischung aus Standardsprache und Mundart. Gestelzte Sätze bekommt man von ihm nicht zu hören.

Mir ist eine Stellungnahme Hirschers über den Zustand seines verletzten Fußes dunkel in Erinnerung geblieben. Ich hörte vor einiger Zeit im Autoradio, wie er sich darüber beklagte, dass ihm der Knöchel noch immer Schmerzen bereite und dass er den Fuß nicht voll belasten könne. Wie er es formulierte, war originell. Um genau zu zitieren, bat ich den ORF um eine Abschrift. Die Sätze fielen in einem Exklusivinterview, das Ö3-Reporter Adi Niederkorn am


12. Oktober in Altenmarkt führte, also dort, wo Hirschers Ski-Ausrüster angesiedelt ist: "Zum Freifahren tuat’s, bissl Stanglfahren geht auch. Aber das ist ein Gockelwerk, das

ist leider kein Rennfahren. Das dauert noch seine Zeit."

Schon der Ausdruck Stanglfahren ist eine sprachliche Perle, aber besonders fasziniert hat mich das Gockelwerk. Noch nie hatte ich dieses Wort gehört, und wie ich gleich feststellen konnte, fehlt es in allen Rechtschreibwörterbüchern und Mundartlexika, die sich im Laufe der Zeit in meinen Regalen angesammelt haben.

Aber das Wort existiert. Im Internet fand ich weitere Belege. Die Fans des kontroversiellen Volks-Rock’n’Rollers Andreas Gabalier kritisierten den Fernsehsender Puls 4, weil das Auswahlverfahren für die Sendung "Herz von Österreich" das "reinste Gockelwerk" gewesen sei. Auch von der Jury des Amadeus Awards sei ihr Liebling benachteiligt worden, wir erinnern uns, einmal hielt er eine Brandrede gegen diese Veranstaltung - "Man hat’s nicht leicht auf derer Welt, wenn man als Manderl noch auf a Weiberl steht . . ." -, dann wieder blieb er den Ehrungen fern. Im Netz wurde diese Kritik so kommentiert: "Andreas Gabalier rechnet mit dem Amadeus-Gockelwerk ab."

Aufs Erste entstand der Eindruck, dass nur das Grimm’sche Wörterbuch, das unter woerterbuchnetz.de abrufbar ist, den Ausdruck kennt. Man muss allerdings "Göckelwerk" eingeben und wird auf das Wort "Gaukelwerk" verwiesen. Es bedeutet Gaukelei aller Art, Narrenposse. Das "Frühneuhochdeutsche Wörterbuch" führt das Wort Gockelspiel

mit der Bedeutung Gaukelspiel an, ferner Göckelwerk mit den Bedeutungen Gaukelei und Blendwerk.

Das Herkunftswort ist also gaukeln: etwas vorspiegeln, vortäuschen. Marcel Hirscher war überzeugt, dass alles wieder gut ist, aber der Knöchel hatte ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht, hatte ihn in die Irre geführt. Die Fans von Andreas Gabalier bezeichnen jene Auswahlverfahren, bei denen ihr Liebling nicht zum Zug kommt, als Vorspiegelung, als ein Possenspiel.

Offensichtlich hat dieses alte Wort nur in den Mundarten überlebt, wobei Gaukelei zu Gockel, also

Hahn uminterpretiert wurde. Das

ist nicht gerade logisch, aber die Volksetymologie hat mit Logik manchmal nichts am Hut.




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Dokument erstellt am 2018-01-02 16:35:15
Letzte ─nderung am 2018-01-16 13:29:08



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