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Update: 16.01.2018, 15:02 Uhr

Sedlaczek am Mittwoch

Die sprachlichen Probleme mit dem dritten Geschlecht




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Wie könnte ein drittes Personalpronomen neben "er" und "sie" lauten? In Schweden hat man eine Lösung gefunden.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.


Unlängst in der Fernsehwerbung: Der Vater schlägt in einer Zeitung ein ganzseitiges Inserat auf. Dort steht in großen Lettern: "Alles muss raus!" Der Vater liest vor und sagt: "Familie, jetzt muss echt alles raus!" Der Sohn: "Ich bin schwul!" Die Tochter: "Ich schlafe mit meinem Lehrer!" Die Mutter: "Und ich war einmal ein Mann!" Dann der Slogan: "Was raus muss, muss raus! So wie jetzt beim Wintersale..."

Vielleicht hätte Sigmund Freud den Witz wissenschaftlich analysiert, denn der dreimalige Tabubruch im Familien-Outing aufgrund einer zweideutigen Formulierung des Vaters ist bemerkenswert. Es geht dabei um drei Steigerungsstufen, die dritte ist eine Geschlechtsumwandlung. Wenn Männer zu Frauen werden und Frauen zu Männern, wird es vielen mulmig. Aber in dem Werbespot schaut die Mutter glücklich drein. Komplizierter ist es für jene, die nicht einem Geschlecht zugeordnet werden können.


Andreas Gabalier würde sagen: "Bei denen kann man nicht sagen, ob er/sie ein Mandl oder ein Weibl ist." Die Mediziner drücken sich anders aus. Mit Intersexualität bezeichnen sie Menschen, die genetisch, anatomisch und hormonell nicht eindeutig dem weiblichen oder dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden können. Weder die Geschlechtschromosomen noch die Geschlechtsorgane und auch nicht die Geschlechtshormone sind eindeutig.

Die Häufigkeit von Intersexualität wird in Deutschland auf zirka 0,1 bis 0,2 Prozent der Bevölkerung geschätzt. Umgelegt auf Österreich wären das 8000 bis 16.000 Menschen. In Deutschland hat das Bundesverfassungsgericht im vergangenen November den Staat angewiesen, entweder ein drittes Geschlecht für diese Menschen einzuführen oder ganz auf die Unterteilung in Mann und Frau in Geburtsurkunden, Personenstandsregistern und Gesetzestexten zu verzichten. Letzteres wird nicht geschehen; in Deutschland wird nach einem Begriff für die dritte Geschlechtsvariante gesucht. "Inter" und "Divers" sind mögliche Bezeichnungen.

Das sprachliche Problem ist ebenfalls ungelöst. In dem konstruierten Satz nach dem Muster der Diktion des Volks-Rock’n’Rollers habe ich eine Notlösung mit Schrägstrich gewählt: er/sie. Wenig Aussicht auf Erfolg hat wohl das von Wissenschaftern und von einigen Interessenverbänden vorgeschlagene "sier" - eine Mischung aus "sie" und "er".

In Schweden hat man eine praktikable Lösung gefunden. Das Personalpronomen "han" bedeutet "er", und "hon" bedeutet "sie". Als zusätzliches Pronomen wurde "hen" erfunden. Dann ist man draufgekommen, dass "hen" auch noch einen anderen Zweck erfüllt: Man kann es verwenden, wenn das Geschlecht einer Person nicht bekannt oder für die Aussage unbedeutend ist.

Wobei es wohl für die Schweden ein Glücksfall war, dass sich "han" und "hon" nur durch den Vokal unterscheiden, und ein neuer Vokal, nämlich "e", die neue Bedeutung ergibt. Noch dazu nach finnischem Muster. Dort gibt es seit langem das geschlechtsneutrale "hän".

Im Deutschen ein neues Wort zu erfinden, das sich zwischen "er" und "sie" stellen lässt, ist ungleich schwieriger. Und "es", das Pronomen für Sächliches, wird nicht nur von den Betroffenen abgelehnt.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-09 16:35:04
Letzte ńnderung am 2018-01-16 15:02:07



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