• vom 11.01.2018, 16:29 Uhr

Glossen


Notstandshilfe

Vermögen ist echt nix für die Ärmsten




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Von Claudia Aigner

  • Kunstsinnig
  • Die verzichten am besten gleich freiwillig darauf. Sonst werden sie nicht viel vom Sozialstaat haben, der ja eigentlich vor allem für sie da sein sollte.



Alle reden nur noch über die Arbeitslosen. Wie arm die wären, weil die Notstandshilfe integriert werden soll. (Integrieren heißt übersetzt "abschaffen"?) Langzeitarbeitslose müssten dann um die Bedarfsorientierte Mindestsicherung ansuchen. Solange sie allerdings noch ein Auto besitzen würden oder sonst ein verwertbares Vermögen über 4000 Euro, hätten sie keinen Bedarf. Nicht einmal an einer Krankenversicherung. Äh, und wenn einem das Auto keiner abkaufen will? (Hallo? Hätten, würden - Konjunktiv! Alles Spekulation. Noch nix passiert.)

Sie tun mir ja eh leid, die Langzeitarbeitslosen. Die Lalos. (Ist kürzer. Und Einsparungen liegen sowieso voll im Trend.) Aber könnte sich bitte trotzdem jemand auch für die interessieren, die noch eine Arbeit haben? Wer diskutiert im Fernsehen darüber, wie es denen geht? Und da besonders den 50-Plussis (die Frauen sind ja schon mit 45 solche Plussis), die viel zu alt für den Arbeitsmarkt sind. Sollen die jetzt oder sollen sie nicht? Nämlich ihr Auto verkaufen und stattdessen lieber eines leasen. Und ihren Not-Cent aufbrauchen. Vorsorglich. (Das sind umgerechnet 13 Komma irgendwas Notgroschen.) Auf die Malediven fliegen . . . (Achtung: Nicht versehentlich einen Ferrari kaufen. Der teurer als 3.999 Euro ist.) Weil was, wenn sie morgen den Job verlieren und sie nie mehr einer will? Irgendwann müssten sie das Geld, das sie sich unter großen Entbehrungen zusammengespart haben, fürs nackte Überleben ausgeben, obwohl sie in einem Sozialstaat wohnen. Und daneben würden die, die sich nie was für schlechte Zeiten zurückgelegt haben, weil sie jedes Jahr auf den Malediven waren, sofort Mindestsicherung kassieren. Und wären sogar rezeptgebührenbefreit. Total unfair.


Oder soll die Drohung, eventuell auf das Vermögen der Lalos zuzugreifen, einfach den Konsum ankurbeln? Ich zumindest erwäge ernsthaft, mir einen neuen Fernseher anzuschaffen. So einen flachen. (Wobei: Flach ist mein alter ja ebenfalls. Vorne.) Um mir keine Sorgen machen zu müssen, dafür bin ich jedenfalls sicher noch zu jung. Wer vor der Pension steht, hat nämlich angeblich nix zu befürchten. Aber ab wann steht man vor der Pension? "Mit 57 no ned." Und mein Lieblings-Lalo (Lilalo, 57) muss es wissen. Ihn hat die PVA bereits zwei Mal abgewiesen. Dafür hat er nun endlich ein Vorstellungsgespräch. Okay, bloß beim Chefarzt. Bei dem muss er vorstellig werden, haben ihm die von der Gebietskrankenkasse mitgeteilt. Seit seinem Herzinfarkt vor Weihnachten gibt’s für ihn ja keine Notstandshilfe mehr. Der Bernard G. wird seinen richtigen und vollständigen Namen also notgedrungen auf einen Antrag auf Krankengeld schreiben müssen. ("Wenn i’s schoff zu duschen." - "Geh hoid ungeduscht hin.")

"In da Dusch hob i heut zwa Moi Pause mochn müssen. So anstrengend is des mit an Herzen, des nua noch zu 45 Prozent oabeitet. Oba es hot immerhin a Oabeit. Noch." - "Du host a boid wieder ane. Steht im Regierungsprogramm. In dem Teil mit den Beschäftigungsanreizen. Wenn erst amoi olle Inaktivitätsfallen beseitigt san, wirst deine Beschäftigungshemmnisse scho überwinden." - "Ach, krieg i a neues Geburtsdatum? 1980? Und a Herztransplantation?" - "Solltest dennoch in da Mindestsicherung landen und nochan weniger haben als jetzt, sieh’s positiv: Du host wenigstens ka Vermögen."




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Dokument erstellt am 2018-01-11 16:33:11



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