• vom 12.01.2018, 15:57 Uhr

Glossen

Update: 17.01.2018, 17:02 Uhr

Jahrestage

Der Blick zurück nach vorn




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Von Severin Groebner

  • Glossenhauer
  • Beim Gedenken darf man sich nichts schenken. Chile wird beispielsweise heuer 200 Jahre alt. Frankenstein auch. Und das ist uns... wurscht.

Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weiter Informationen unter www.severin-groebner.de

Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weiter Informationen unter www.severin-groebner.de Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weiter Informationen unter www.severin-groebner.de

Das Jahr 2018, welches noch so jungfräulich, fast unberührt vor uns liegt, es wird reich sein. Reich und schön. Reich an Rückblicken, die uns im schönsten Schein erscheinen werden. Oder vielleicht sogar im scheinsten Schön erschönen. Man wird sehen. Dieses Jahr ist voll mit Geburts-, Todes- und vor allem Gedenktagen. 400 Jahre Prager Fenstersturz und Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges. 370 Jahre Ende des Dreißigjährigen Krieges. 170 Jahre Revolution. 100 Jahre Ende Erster Weltkrieg. 100 Jahre Republik. 80 Jahre Einmarsch des Tausendjährigen Reichs. 50 Jahre Prager Frühling, 50 Jahre 68er-Revolte . . . und wer 1968 zufällig achtzehn war, wird heuer zu einem echten Alt-68er. Nicht zu vergessen: Gustav Klimt und Egon Schiele, die beiden Unsterblichen, haben auch schon wieder Todestag.

Die geliebten Führer unserer sehr geschätzten Regierung des fröhlichen Volkes werden sich so geballte Gelegenheiten zur Selbstinszenierung freilich nicht entgehen lassen. Aber wie genau? Wird HC Strache wirklich seiner Überzeugung nach ("Wir sind die neuen Juden") die gesamte FPÖ-Regierungsriege dazu bringen, am 13. März mit dem Zahnbürstel knieend in der Innenstadt den Gehsteig zu reinigen? Und wird Sebastian Kurz zum Gedenken an 1848, quasi als Wiedergänger des feschen und jungen Franz Joseph I., auch kurz nach Regierungsantritt die Verfassung abschaffen? Wird der tschechische Premier in geschickter Anlehnung an 1618 einen EU-Beamten aus dem Fenster werfen? Oder lieber einen Russen (1968)? Wie viele Interviews wird Daniel Cohn-Bendit geben? Wie viele wird "Österreich" zusätzlich erfinden?


Und wie soll unsere Republik ihren 100. Geburtstag begehen? So wie es sich für eine Hundertjährige gehört - mit Demenz? Na, daran arbeiten wir schon seit Jahren. Doch bei aller Festtagsstimmung stellt sich die Frage: Haben wir auch an alles gedacht? Immerhin ist 1918 nicht nur in Österreich die Monarchie ausgestorben, sondern auch im Zoo von Cincinnati der letzte Karolinasittich und damit die einzige Papageienart Nordamerikas. Hier muss das Naturhistorische Museum einmal Flagge zeigen - oder Federn. Und vor 90 Jahren erblickten nicht nur die Micky Maus und Bert Brechts "Dreigroschenoper" das Licht der Welt, sondern in Berlin wurde die erste Moschee Deutschlands eingeweiht. Eingedenk dessen erwarte ich mir zumindest eine interaktive Kunstinstallation, in der Mutter Courage beim "Berliner Döner" in der Westbahnstraße einen Micky-Maus-Teller bestellt.

Und was ist mit 1948? Da wurde nämlich nicht nur die erste LP mit 33 1/3 Umdrehungen in der Minute der Welt präsentiert (ab da wussten alle Teenager, die etwas auf sich hielten, was sie die nächsten 50 Jahre sammeln sollten) oder das erste Schnellrestaurant von Richard und Maurice McDonald eröffnet (nun wussten alle Teenager, die nichts auf sich hielten, wie sie dick und hässlich werden konnten), nein, George Orwell veröffentlichte auch seinen Roman "1984" und setzte damit Facebook und Innenminister Herbert Kickl praehum ein Denkmal. Es gibt also noch einiges zu bedenken. Mal sehen, was das Jahr noch bringt. Hoffentlich wird’s nicht als Ganzes zum Vergessen sein.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-12 16:02:04
Letzte nderung am 2018-01-17 17:02:03



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