• vom 10.02.2018, 11:00 Uhr

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Antike Hasspostings




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Von Mario Rausch


    Heutzutage bieten diverse Foren und Bloggingdienste im Internet die Möglichkeit, unter einem fiktiven Namen Personen und Ereignisse zu kommentieren und dabei unter dem Deckmantel der Anonymität ordentlich Dampf abzulassen. Das Ziel derartiger Wortmeldungen ist klar: Es soll damit dem Ansehen des Angesprochenen geschadet werden.

    Wut auf die Zeitgenossen gab es natürlich schon in der Antike, wobei die Menschen damals eine ganz eigene Form der Verwünschung entwickelten: Die antiken "Hasspostings" finden sich auf kleinen Metalltäfelchen, die aber nicht öffentlich gemacht, sondern den überirdischen Mächten, also Göttern und Dämonen, übergeben wurden. So verfluchte vor rund 1700 Jahren im englischen Leicester ein gewisser Servandus jene Männer, die er des Diebstahls
    verdächtigte:


    "Dem Gott Magulus übergebe ich den Übeltäter, der den Mantel von Servandus gestohlen hat. Silvester, Riomandus [. . .] dass er ihn vor dem neunten Tag zerstöre, die Person, die den Mantel von Servandus gestohlen hat." Unter der Fluchformel sind die Namen von 18 oder 19 Verdächtigen aufgelistet. Fluchtäfelchen wurden aber beileibe nicht nur in der römischen Provinz gefunden: derartige Inschriften in Griechisch oder Latein, von denen bis heute rund 1600 bekannt sind, wurden in der Zeit zwischen dem 5. Jahrhundert vor und dem 5. Jahrhundert nach Christus in der gesamten antiken Welt hergestellt. Mit den magischen Tafeln wurde versucht, auf die verschiedensten Lebensbereiche Einfluss zu nehmen. Beliebt waren sie etwa im Bereich des Sports, wo man sich selbst oder seinen Favoriten mit solchen Mitteln einen Vorteil verschaffen wollte.

    Information

    Mario Rausch, geboren 1970, studierte Klassische Archäologie und Alte Geschichte und lebt als freier Publizist in Klagenfurt und Wien.

    Im 3. Jahrhundert nach Christus versuchte ein Athlet in Athen, einen gegnerischen Ringer um seine Siegeschancen zu bringen, indem er mit einem Fluchtäfelchen den auch anderswo bezeugten Dämon Betpy um Hilfe bat: "Mächtiger Betpy, ich übergebe dir Eutychianos, den Eutychia geboren hat, damit du ihn und seine Entschlusskraft erstarren lässt und in deiner dunklen Luft auch sein Team, das mit ihm ist. Binde in die lichtlose Ewigkeit des Vergessens und lass erstarren und zerstöre auch das Ringen, das er
    (. . .) am kommenden Freitag ringen wird. Wenn er aber doch ringt, möge er zu Fall kommen und sich selbst Schande machen."

    Selbst im Bereich des Liebeslebens fanden die Verwünschungen Anwendung. Verschmähte Liebhaber verfluchten das Liebesglück der Angebeteten und des Rivalen: "Ich binde hinab Theodora, dass sie Charias nicht heiratet, und ich binde hinab Charias, dass er Theodora vergisst (. . .) und auch den Sex mit Theodora."




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    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-02-09 13:17:16
    Letzte ńnderung am 2018-02-09 15:21:35



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