• vom 14.02.2018, 15:53 Uhr

Glossen


Maschinenraum

Hör’ doch mal, Opa!




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Von Walter Gröbchen

  • Maschinenraum
  • Die Compact Disc verschwindet aus unseren Haushalten. Dafür halten weit zauberhaftere Tonträger Einzug in die Kinderzimmer.



Für meine Enkeltochter, gerade mal vier Jahre jung, ist es schon ein alter Hut, hat aber nichts von seinem Reiz verloren. Für mich dagegen war es ein Initialerlebnis erster Klasse. Die Erstbegegnung mit den Tonies nämlich. Mit wem?, höre ich Sie fragen. Gegenfrage: Haben Sie Nachwuchs daheim? Wenn ja, geht er oder sie noch in den Kindergarten? Dann nämlich können Ihnen Ihre Gschroppn kundtun, wer diese ominösen Tonies sind. Und was sie von ihnen halten. Es herrscht Begeisterung allerorten, wenn ich einer Spontanumfrage im Bekanntenkreis trauen darf - sowohl unter den Kindern (bis in höheres Volksschulalter hinauf). Als auch untern den Eltern. Um die Tonies herrscht ein ordentliches G’riss. Oder, neudeutsch: ein regelrechter Hype.

Auf den ersten Blick sind es lustige Miniatur-Plastik-Figuren, wie sie in jedem Kinderzimmer der Welt daheim sind. Bibi Blocksberg, Benjamin Blümchen, Wickie, Heidi, der gestreifte Tiger von Janosch - alle da. Was sie von anderen Figuren unterscheidet, ist ihre künstliche Pseudointelligenz. In jeder steckt ein NFC-Chip. Stellt man zum Beispiel die Hauptdarstellerin aus der "Sendung mit der Maus" auf einen Lautsprecherwürfel namens "Toniebox" (der zwingend dazugehört), beginnt sie auch schon loszuplappern. Jede Figur gibt andere Erzählungen, Kinderbücher oder -lieder wieder. "Im Wort Hörspiel steckt ja Spiel drin", erläutert der Tonie-Erfinder und zweifache Vater Patric Faßbender. "Mit CDs kann man nicht spielen. Warum gibt es keine zeitgemäße und wirklich kindgerechte Möglichkeit, Audio-Inhalte abzuspielen?"


Flugs entwickelte Faßbender gemeinsam mit Freund Marcus Stahl einen knuddelig weich gepolsterten WLAN-Lautsprecher mit simpelstem Bedienkonzept. Und zwei Plastikohren. Will man lauter hören, zwickt man das größere. Leiser steuert das kleinere. Ein Klaps auf die Würfelseite lässt zum nächsten Titel springen. Kinderleicht! Papa oder Mama müssen eventuell bei der WLAN-Einrichtung ein wenig nachhelfen, aber auch das ist rasch erledigt. Und ihr eigenes Smartphone oder Tablet wollen sie in der Regel sowieso nicht herausrücken für die Unterhaltung des (damit oft überforderten) Nachwuchses. Kassetten sind schon lange out. Quer über den Boden verstreute, arg verkratzte CDs und ewig kaputte Player waren auch immer ein einziges Ärgernis. Insofern rennt die Tonies-Idee weit geöffnete Kinderzimmertüren ein.

Wie alle cleveren Geschäftsleute fixen Faßbender und Stahl die Zielgruppe mit einem vergleichsweise günstigen Preis für das exklusive Abspielgerät - die Toniebox - an. Dafür gehen die Figuren ordentlich ins Geld. Eigentlich könnte man auch eigene Hörspiele, Songs oder großväterliche Botschaften in die Cloud hochladen und auf einen "Kreativ-Tonie" übertragen. Dafür gibt es sogar eine eigene App. Aber wer konkurriert schon gerne mit Käpt’n Sharky und dem Seeungeheuer?

Ungeheuer kreativ ist die ganze Angelegenheit jedenfalls. Und richtig herzig. Vielleicht sollte sich der Großvaterverein namens Musikindustrie, der gerade die Compact Disc aus den heimischen Haushalten verschwinden sieht (in Österreich anno 2017 minus 12,8 Prozent Umsatz), mal einen Tonie ins Büro mitbringen lassen.




Schlagwörter

Maschinenraum, Feuilleton, Glosse

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Dokument erstellt am 2018-02-14 15:56:23



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