• vom 01.08.2012, 16:05 Uhr

Kommentare

Update: 01.08.2012, 17:06 Uhr
  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (4)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Rückantwort

Darf man noch "Lueger" sagen?


Von Engelbert Washietl

  • Ich bin hundertprozentig dafür, dass sich die Leute gewählt ausdrücken sollen. Aber wer schreibt mir vor, was erlaubt ist und was nicht?

Es gibt Sonderbeauftragte für Radfahrer, für Datenschutz, für Universitäten und demnächst vielleicht für Fußgänger. Mir geht ein Beauftragter für political correctness ab.

Der Autor ist Sprecher der "Initiative Qualität im Journalismus"; zuvor "Wirtschaftsblatt", "Presse" und "Salzburger Nachrichten".

Der Autor ist Sprecher der "Initiative Qualität im Journalismus"; zuvor "Wirtschaftsblatt", "Presse" und "Salzburger Nachrichten". Der Autor ist Sprecher der "Initiative Qualität im Journalismus"; zuvor "Wirtschaftsblatt", "Presse" und "Salzburger Nachrichten".

Dass in Bayreuth vier Tage vor der Premiere der Titelheld des "Fliegenden Holländers" ausgetauscht wurde, verstehe ich noch, aber nicht wegen des Hakenkreuzes, sondern wegen der Verwicklung der Weihfestspiel-Firma Bayreuth mit der Nazi-Ära. In Bayreuth darf sich ein Hakenkreuz auf des Sängers Brust nicht einmal ahnen lassen. Abgesehen davon ist die Affäre bloß skurril. Ein russischer Bassbariton, dem in seiner martialischen Jugendzeit auf seiner flächendeckend tätowierten Lederhaut auch ein Hakenkreuz drauf geraten ist, der dieses später "überstechen" ließ und es sogar öffentlich bereut hat: Solange er als ewig seereisender "Holländer" seine ideologische Dermatitis unter der Windjacke behält und dieselbe nicht auf der Bühne aufreißt, soll er singen. Falls er ein Stalin-Porträt aufgemalt hätte, auch.

Werbung

Mit Opern und Operetten wird es überhaupt noch größere Schwierigkeiten geben. Der energische neue Presserat hat anlassbezogen einen Bann gegen das Wort Neger auf die Zeitschrift "Zur Zeit" gemünzt, was wegen deren rechtslastiger Weltsicht nicht überrascht. Es kommt ja darauf an, was jemand sagen will, wenn er unbedingt "Neger" sagt. Aber das Wort generell aus der deutschen Sprache zu entfernen, bloß weil es einen "Bedeutungswandel" durchgemacht hat, wer ordnet das an? Auch dieses Verbot wäre "zeitgebunden". Es ist zum Glück noch niemand ernsthaft auf die Idee gekommen, die Opern von bösen Gestalten wie Monostatos zu säubern und die Operetten von inkorrekten Zigeunerbaronen. Wenn schon, schminkt man sie schön. Darwin hat auf seiner Reise "Wilde" studiert. Besorgte italienische Humanisten diskutieren, welche Passagen in Dantes "Göttlicher Komödie" rassistisch, antisemitisch oder islamophob sind. Ja, es gibt solche. Würde man diese aber nicht weiterhin im historischen Kontext ertragen, sondern retuschieren - was wäre das anderes als die soeben erfolgte Tilgung einer Penis-Abbildung des "Zeit-Magazins" in Facebook, bloß weil Facebook-Nutzer durch den Anblick des Zumpferls irritiert sein könnten?

Die Abschaffung des Dr.-Karl-Lueger-Rings entspricht der Mode und ist ein krampfhafter Leistungsnachweis der Regierungskoalition in der Großgemeinde Wien. Sie räumt auf. Darf man den Namen Lueger überhaupt noch aussprechen? Ich freue mich ja, dass sich der Kulturstadtrat mit seinem differenzierten Geschichtsbild nicht auch noch über den Dr.-Karl-Renner-Ring hermacht, weil das aus Parteiräson gar nicht ginge. Dabei hat Renner den Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland "freudig begrüßt" und 1945 als Staatskanzler seinen sozialistischen Genossen ausdrücklich den Vorrang vor "jedem kleinen jüdischen Kaufmann oder Hausierer" eingeräumt, obwohl Renner im Gegensatz zu Lueger erlebt hat, was Hitler aus dem Antisemitismus machte.




2 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-08-01 16:11:05
Letzte Änderung am 2012-08-01 17:06:24


Beliebte Inhalte



Neulich hat ein Jungjournalist mit türkischen Wurzeln einen Auftrag für eine Geschichte abgelehnt. Sein Argument: Er wolle nicht in die...weiter

Man muss kein Austria-Fan sein, um die Austria 2012/13 (zumindest ein bisschen) zu bewundern. Sie hat sich endgültig von der Post-Stronach-Ära...weiter

An der Hochschule für Philosophie München bekommen die Studenten richtig was geboten. Dort gibt es eine Vorlesungsreihe des langjährigen...weiter

  • Wie sehr die neuen Technologien Arbeitswelt und Individuen verändert haben - und wie wenig die Öffentlichkeit dies wahrnimmt.
  • weiter

Es war eine von jenen Geschichten, die so brutal sind, dass sie Kalauer herausfordern: Die Story jenes Ungarn, dem der Unterarm abgetrennt wurde...weiter

Der Ausspruch "das geht sich nicht aus" ist universell einsetzbar und trifft auch auf die Koalitionsverhandlungen nach der ÖH-Wahl zu...weiter

Diese Ausländer! Sie können sich einfach nicht in unsere europäische Kultur einfügen, in unsere verfeinerte Lebensart. Davon kann ich ein Lied singen...weiter

  • Während alle über die Grünen jubeln, vollzieht sich die wirkliche Revolution woanders: SPÖ und ÖVP können endlich voneinander lassen - und tun es auch.
  • weiter

Was ist in Europas Fußball los? Das muss man sich zwangsläufig fragen, wenn man sich die jüngsten Ereignisse in Mailand und Paris vor Augen führt...weiter

Alexander Pereira mag nicht die ausgefeiltesten Programme erstellen, derer sich die Salzburger Festspiele rühmen können - den Ruf als bester...weiter



Werbung




Stammgast beim Life Ball: Bill Clinton.

Gottfried Helnwein, Peinlich, 1971, Die Wolldecke eines Navajo-Häuptlings wurde bei Sothebys in New York für rund 221.000 US-Doller versteigert. Es war die erste Auktion aus dem Nachlass der Sammlung Andy Williams, des bekannten US-amerikanischen Popsängers und Fernsehentertainers.

Chondrocladia lyra, ein fleischfressender Schwamm, lebt über drei Kilometer tief im Pazifik vor der Küste von Kalifornien. Die Art wurde von der Universität von Arizona in Tempe (USA) für die Liste der skurrilsten Entdeckungen 2012 ausgewählt. "Erstbegehung" des Wiener Wahrzeichens:  Slackliner Christian Waldner arbeitete sich in 60 Metern über dem Boden Schritt für Schritt vom großen Steffl-Turm (Südturm) bis zum südlichen Heidenturm vor und tänzelte nach kurzer Verschnaufpause wieder retour. Der Drahtseilakt dauerte rund zehn Minuten.

Werbung