
Dass ein Zusammenprall von ein paar hundert meist jungen Männern aus völlig anderen Kulturkreisen mit der alteingesessenen Population bestimmte reale Probleme schafft, erklärt noch nicht die weit überproportionalen Emotionen, die das - nicht nur hierzulande - regelmäßig auslöst.
Eine kontroversielle, aber interessante Erklärung bot jüngst die rechtsliberale Schweizer "Weltwoche": Demnach haben evolutionsgeschichtlich tendenziell jene Gruppen von Menschen besser überlebt, die Fremden gegenüber eher auf physische Abgrenzung bedacht waren, weil sie so besser vor der Übertragung ansteckender, potenziell letaler Krankheiten geschützt waren. Daraus habe sich über hunderttausende Jahre Xenophobie gleichsam als Teil einer kollektiven Überlebensstrategie entwickelt.
Sollte diese Theorie stimmen, entschuldigte sie fremdenfeindliches Verhalten zwar nicht im Geringsten, erklärte aber dessen Vorhandensein gerade in Gegenden, in die sich ohnehin nie ein Fremder verirrt: Xenophobie wäre dann gleichsam ein über tausende Generationen erworbener psychologischer Blinddarm: einst nützlich, jetzt bloß noch ärgerlich.
Denn was in ferner Vergangenheit rationales Verhalten gewesen sein mag, ist heute gerade unter dem Aspekt der Evolution ein Handicap: Gesellschaften, die diesem xenophoben Reflex nachgeben, sind heute ebenso benachteiligt - oder benachteiligen sich selbst - wie früher möglicherweise die all zu offenen. Denn mit Abschottung werden heute ja nicht längst heilbare Krankheit, sondern potenziell fruchtbare Kontakte, nützliche Informationen und neue Erkenntnisse vermieden. Wer sich dem Fremden gegenüber abschottet, hat heute keinen gesundheitlichen Vorteil mehr, sondern bloß eine Einbuße an Lebenschancen und Zukunftsoptionen.
Wieso bricht aber dieses heute nachteilige Verhalten immer wieder durch? Vermutlich, weil derart tief verankerte Reflexe nicht einfach binnen ein paar hundert Jahren aus der kollektiven Erfahrung getilgt werden können, das wissen wir ja aus ganz anderen Zusammenhängen genauso gut.
Bedauerlicherweise legt diese Theorie freilich auch den Schluss nahe, dass Argumente gegen Xenophobie nur sehr begrenzt wirken können (wie die Praxis zeigt). Wer sich im finsteren Wald fürchtet (was ja auch irgendwann einmal vernünftig war), dem ist diese Furcht nicht durch einen Hinweis auf die Harmlosigkeit des Waldes zu nehmen. Gegen derart tief sitzende Verhaltensmuster helfen Argumente so wenig wie Aspirin gegen metastasierenden Krebs. Das ist wenig erfreulich, muss aber vernünftigerweise Teil jedes realistischen politischen Kalküls sein. Das Volk auszutauschen, ist ja auch keine echte Option.
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