• vom 15.01.2010, 18:38 Uhr

Kommentare

  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Christian Ortner am Samstag

Fremdenangst, ein Blinddarm der Psyche?



  • Nicht erst seit hierzulande die Causa Eberau die Landespolitik gegen Asylwerber hetzt und damit die Gemüter erheblich erhitzt, stellt sich jedem halbwegs nachdenklichen Zeitgenossen die Frage, warum Fremde in größerer Zahl fast immer auf Misstrauen, Angst und Ablehnung stoßen (außer es handelt sich um wohlhabende Touristen, die wir nach ein paar Tagen und ein paar hundert Euro garantiert wieder los sind).



Dass ein Zusammenprall von ein paar hundert meist jungen Männern aus völlig anderen Kulturkreisen mit der alteingesessenen Population bestimmte reale Probleme schafft, erklärt noch nicht die weit überproportionalen Emotionen, die das - nicht nur hierzulande - regelmäßig auslöst.

Werbung

Eine kontroversielle, aber interessante Erklärung bot jüngst die rechtsliberale Schweizer "Weltwoche": Demnach haben evolutionsgeschichtlich tendenziell jene Gruppen von Menschen besser überlebt, die Fremden gegenüber eher auf physische Abgrenzung bedacht waren, weil sie so besser vor der Übertragung ansteckender, potenziell letaler Krankheiten geschützt waren. Daraus habe sich über hunderttausende Jahre Xenophobie gleichsam als Teil einer kollektiven Überlebensstrategie entwickelt.

Sollte diese Theorie stimmen, entschuldigte sie fremdenfeindliches Verhalten zwar nicht im Geringsten, erklärte aber dessen Vorhandensein gerade in Gegenden, in die sich ohnehin nie ein Fremder verirrt: Xenophobie wäre dann gleichsam ein über tausende Generationen erworbener psychologischer Blinddarm: einst nützlich, jetzt bloß noch ärgerlich.

Denn was in ferner Vergangenheit rationales Verhalten gewesen sein mag, ist heute gerade unter dem Aspekt der Evolution ein Handicap: Gesellschaften, die diesem xenophoben Reflex nachgeben, sind heute ebenso benachteiligt - oder benachteiligen sich selbst - wie früher möglicherweise die all zu offenen. Denn mit Abschottung werden heute ja nicht längst heilbare Krankheit, sondern potenziell fruchtbare Kontakte, nützliche Informationen und neue Erkenntnisse vermieden. Wer sich dem Fremden gegenüber abschottet, hat heute keinen gesundheitlichen Vorteil mehr, sondern bloß eine Einbuße an Lebenschancen und Zukunftsoptionen.

Wieso bricht aber dieses heute nachteilige Verhalten immer wieder durch? Vermutlich, weil derart tief verankerte Reflexe nicht einfach binnen ein paar hundert Jahren aus der kollektiven Erfahrung getilgt werden können, das wissen wir ja aus ganz anderen Zusammenhängen genauso gut.

Bedauerlicherweise legt diese Theorie freilich auch den Schluss nahe, dass Argumente gegen Xenophobie nur sehr begrenzt wirken können (wie die Praxis zeigt). Wer sich im finsteren Wald fürchtet (was ja auch irgendwann einmal vernünftig war), dem ist diese Furcht nicht durch einen Hinweis auf die Harmlosigkeit des Waldes zu nehmen. Gegen derart tief sitzende Verhaltensmuster helfen Argumente so wenig wie Aspirin gegen metastasierenden Krebs. Das ist wenig erfreulich, muss aber vernünftigerweise Teil jedes realistischen politischen Kalküls sein. Das Volk auszutauschen, ist ja auch keine echte Option.



Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2010-01-15 18:38:28
Letzte Änderung am 2010-01-15 18:38:00

Beliebte Inhalte



Alexander Pereira mag nicht die ausgefeiltesten Programme erstellen, derer sich die Salzburger Festspiele rühmen können - den Ruf als bester...weiter

  • Gerald Klug wird gerade zum neuen Shootingstar der Innenpolitik ausgerufen. Das musste früher oder später so kommen.
  • weiter

 - © Stefan Joham Die Parkraumbewirtschaftung in Wien wird immer mehr zur Wissenschaft. Viele wissen schon nicht mehr, wo nun Zone ist und wo nicht...weiter

"Dieser Körper ist zu fett für Abercrombie & Fitch." Im Netz verbreiten sich derzeit Fotos von üppiger gebauten Damen...weiter

Neulich hat ein Jungjournalist mit türkischen Wurzeln einen Auftrag für eine Geschichte abgelehnt. Sein Argument: Er wolle nicht in die...weiter

Diese Ausländer! Sie können sich einfach nicht in unsere europäische Kultur einfügen, in unsere verfeinerte Lebensart. Davon kann ich ein Lied singen...weiter

  • Während alle über die Grünen jubeln, vollzieht sich die wirkliche Revolution woanders: SPÖ und ÖVP können endlich voneinander lassen - und tun es auch.
  • weiter

Der Ausspruch "das geht sich nicht aus" ist universell einsetzbar und trifft auch auf die Koalitionsverhandlungen nach der ÖH-Wahl zu...weiter

Christian Ortner.
  • Deutschlands enorme Wettbewerbsfähigkeit zu schwächen, wie das oft gefordert wird, würde nicht zuletzt Österreich erheblichen Schaden zufügen.
  • weiter

Was ist in Europas Fußball los? Das muss man sich zwangsläufig fragen, wenn man sich die jüngsten Ereignisse in Mailand und Paris vor Augen führt...weiter



Werbung




Mailands "neubabylonischer" Hauptbahhnhof

Frankreich: Amandine Bourgeois - "L'enfer et moi" Der Teil einer Installation des pakistanischen Künstlers von Imran Qureshi im Metropolitan Museum in New York.

Die letzten Stufen werden noch eingekleidet, und dann kanns los gehen: 21. 5. 2013: Schwere Zeiten für Fans des glänzenden Metalls: Der Goldpreis erklimmt keine neuen Höhen mehr, das Interesse der Anleger ist merkbar gesunken.

Werbung