• vom 31.01.2017, 17:25 Uhr

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Update: 01.02.2017, 13:20 Uhr

Medien

Pfiati, Tschuschenstandard - daStandard.at wird aufgelöst




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Von Eva Zelechowski

  • Die für junge Journalistinnen und Journalisten mit Migrationshintergrund gestartete Lehrredaktion des "Standard" wird nach sieben Jahren eingestellt. Ein persönlicher Nachruf.

Das Gründungsteam von daStandard.at (oben, v.l.n.r.): Eva Zelechowski, Jasmin Al-Kattib, Meri Disoski, Mascha Dabić, Armand Feka, Güler Alkan, Olivera Stajić.

Das Gründungsteam von daStandard.at (oben, v.l.n.r.): Eva Zelechowski, Jasmin Al-Kattib, Meri Disoski, Mascha Dabić, Armand Feka, Güler Alkan, Olivera Stajić.© derStandard.at GmbH Das Gründungsteam von daStandard.at (oben, v.l.n.r.): Eva Zelechowski, Jasmin Al-Kattib, Meri Disoski, Mascha Dabić, Armand Feka, Güler Alkan, Olivera Stajić.© derStandard.at GmbH

Ich war damals im Anfangsteam von daStandard, worauf ich immer noch ein bisschen stolz bin. Das war 2010. Heute ereilte mich eine traurige Nachricht, die mich sofort nostalgisch werden ließ. Der "Tschuschenstandard" – ironisch liebevoll von uns in der Namensfindungsphase genannt – soll nach sieben Jahren eingestellt werden.

Eine offizielle Bestätigung gibt es noch nicht, die Aussendung soll folgen. Olivera Stajić, daStandard-Leiterin der ersten Stunde und heute derStandard-CVD erklärte in einem kurzen Statement, es gebe kein Budget für das Projekt.

Information

Auf der Homepage sucht man die Verlinkung zur Migrationsseite vergebens und seit einem Monat wurde kein Artikel mehr veröffentlicht. Üblich war in den ersten Jahren ein Artikel pro Tag, zuletzt gingen zumindest ein paar pro Woche online.

Kosten-Nutzen-Aufwand für Ende verantwortlich?

Nach sieben Jahren gibt es kein Budget mehr für daStandard.at. Man kann nur hoffen, dass er seine Rolle erfüllt hat.

Nach sieben Jahren gibt es kein Budget mehr für daStandard.at. Man kann nur hoffen, dass er seine Rolle erfüllt hat.© Screenshot daStandard.at Nach sieben Jahren gibt es kein Budget mehr für daStandard.at. Man kann nur hoffen, dass er seine Rolle erfüllt hat.© Screenshot daStandard.at

Da eine ausführliche Erklärung des Medienhauses aussteht, bleibt Raum für Spekulationen: Aus Spargründen konnte das Projekt nicht mehr am Leben gehalten werden, es fehlten Werbekunden. (Die waren bereits in der Anfangsphase schwierig aufzustellen, wie ich mich erinnere.) Meine Annahme ist: Natürlich spart man dort, wo es ökonomisch notwendig ist, kein Geld reinkommt und die Zugriffszahlen nicht gerade explodieren. Das Interesse der User für Integrationsstories ist verhalten, wenn man sie mit Berichten über neue Apple-Gadgets oder den klassischen politischen Analysen vergleicht – das wird kaum wen überraschen.

Es war eine aufregende Zeit. Wir waren fünf junge, motivierte Studentinnen bzw. Akademikerinnen und ein Student – unser "Quotenmann". Von den Anderen unterschied uns ein Merkmal, das wir im Team alle gemeinsam hatten: Die Fluchterfahrung. Entweder die unserer Eltern oder wir waren selbst im Ausland geboren: Albanien, Ex-Jugoslawien, Mazedonien, Polen und die Türkei. So viel geballte Diversität gibt es selten in Redaktionen, schon gar nicht vor sieben Jahren.

Die Arbeit war wie in jeder anderen Redaktion: Es fanden regelmäßig Redaktionssitzungen statt, in denen wir aktuelle Themen aus der Integrationssphäre diskutierten: Kultur, Politik, Interviews, Portraits, Reportagen aus dem Grätzel. Doch wir stellten andere Fragen: Wer sind die Fremden? Was macht sie fremd? Wie machen wir sie zu Vertrauten? Welche Erzählung wollen wir transportieren? Wir wälzten Ideen bis die Köpfe rauchten.

Eine fixe Anstellung war von Anfang an nicht angedacht und nur ein freies Arbeitsverhältnis möglich. Pro Artikel gab es einen fixen Lohn, mit dem wir als angehende Journalistinnen und Journalisten ganz zufrieden waren. Es galt schließlich, Erfahrungen zu sammeln. Das wusste auch der Arbeitgeber.

Learning by doing

Alles in allem bin ich sehr dankbar für die wunderbare Zeit. Als  Lehrredaktion bot daStandard.at jungen Menschen, die in der Medienbranche Fuß fassen wollten, eine gute Möglichkeit, sich ein journalistisches Profil zu erarbeiten und die nötigen Werkzeuge für das Handwerk des Schreibens auf die beste Art und Weise – learning by doing – zusammenzutragen. Heute arbeiten fast alle, die einmal Teil des daStandard-Teams waren, im Journalismus: Bei ATV, News, Puls4, Der Standard oder etwa der Wiener Zeitung. Und daStandard.at war für uns alle der Einstieg. Ein Kollege, der nach mir ins Team kam und heute beim Fernsehsender ATV beschäftigt ist, reagierte auf das Ende auf seiner Facebook-Seite ebenfalls mit Enttäuschung: "Ohne daStandard wäre ich nicht im Journalismus verblieben." Für ihn ist es eine Fehlentscheidung des Managements.

Sieben Jahre. Das ist kein Alter für ein Medium. Medienkrise hin oder her. Und eine Kritik habe ich stets verteidigt: Integrationsressorts und ihre "Nischenrolle", in der sie eben nicht integriert sind. Ich halte Beiträge über Lebensrealitäten von Menschen mit Migrationserfahrung für notwendig und befürchte: Ohne den entsprechenden dafür vorgesehenen Rahmen wie eine Plattform werden die Berichte abnehmen anstatt in den klassischen Ressorts wie "Kultur" oder "Innenpolitik" weiterleben. Ich hoffe nur, dass ähnlich ambitionierte Projekt folgen, um mehr Diversität in der Medienlandschaft zu gewährleisten. Sowohl inhaltlich als auch um die immer noch sehr niedrige Quote von Journalistinnen und Journalisten unterschiedlicher Herkunft zu erhöhen. Vielleicht hat daStandard.at aber auch seine Rolle erfüllt – das ist die optimistische Annahme.

Schade, Tschuschenstandard. Ich werde dich vermissen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-01-31 16:38:03
Letzte nderung am 2017-02-01 13:20:41



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