• vom 05.09.2017, 16:39 Uhr

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Wahrheit im Wahlkampf




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Von Walter Hämmerle

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  • Kern hofft, sie am Stammtisch zu finden, Kurz glaubt, er hat sie schon. Das kann natürlich den Hütern der einzigen Wahrheit nicht gefallen.



"Wahrheit" ist ein großes Konzept, und ziemlich sicher ist es ein bisschen zu groß, um in einem Wahlkampf von überschaubarer Größe und mittelmäßiger Bedeutung wie dem österreichischen in aller Munde zu sein. Wenn man bedenkt, dass Philosophen und Wissenschafter seit zweieinhalb Jahrtausenden nach der Wahrheit und ihrem Sinn suchen, und dann sieht, wie einfach sie sich zwischen Neusiedler- und Bodensee finden lässt, kann man nur den Hut ziehen.

Wenn man etwas sucht, ist es bekanntlich hilfreich zu wissen, wo dieses Etwas zu finden ist. SPÖ-Spitzenkandidat Christian Kern hat dieses Glück, wie er in einem Video erklärt. In seinem Fall handelt es sich um den Stammtisch, quasi einen entfernten Verwandten des hiesigen Parlamentarismus. Hier sitzen demnach echte Menschen im echten Leben zusammen, die allein deshalb schon näher an der Wahrheit sein müssen. Stellvertretend für alle Stammtische im Land hat sich der Kanzler entschieden, dem im Gasthaus Buchner im steirischen Admont einen persönlichen Besuch abzustatten. Weil: "Wenn man nicht bereit ist, sich die Wahrheit anzuhören, wird man auch keine guten Lösungen finden." Das ist faktenbasierte Politik, wie man es sich nur wünschen kann.


Am Stammtisch selbst hielt man sich dann auch in Gegenwart des Kanzlers nicht lange mit den Feinheiten einer linksliberalen Diskurshegemonie auf und redete sich recht ungeniert den Grant über die Ausländer von der Leber: Zu viele, zu fremd, zu teuer, zu dominant, könnte man in etwa zusammenfassen, was Kern da zu hören bekam. Worauf er sich dann von Kritikern eine andere Wahrheit hat anhören müssen.

Sein Herausforderer, ÖVP-Obmann Sebastian Kurz, muss erst gar nicht lange suchen, er kennt sie schon und findet, dass es an der Zeit sei, "die Wahrheit wieder auszusprechen". Das ist wahrscheinlich der Überschwang der Jugend, Zitate-Altmeister Andreas Khol hätte wahrscheinlich darauf hingewiesen, dass die Wahrheit bekanntlich schon immer eine Tochter der Zeit gewesen ist, wie schon die alten Römer ahnten. Und sich deshalb nur widerwillig festhalten lässt.

Genau damit kann sich allerdings keine Generation in der Blüte ihrer moralischen Selbstgerechtigkeit abfinden. Weshalb konkurrierenden Versionen zur allein seligmachenden Wahrheit gar nicht zimperlich der Kampf angesagt wird. Kulturelle Hegemonie ist nun einmal ein hohes Gut, auch wenn die Kreise, in denen sie Gültigkeit für sich beanspruchen kann, immer kleiner werden. Manchmal sollen sie auch nur noch in Blasenform existieren.

Dabei wird eine andere "Wahrheit" sträflich vernachlässigt, wenn nicht überhaupt völlig ignoriert: Dass nämlich Argumente und Überzeugungen in der Welt des menschlichen Zusammenlebens nicht dadurch besser werden, wenn sie beständig wiederholt werden. Kritische Widerrede, der Aufeinanderprall gegensätzlicher Perspektiven und Wahrnehmungen sind entscheidend, dass die "gesellschaftliche Wahrheit" nicht nur von einer exklusiven Minderheit, sondern von der größtmöglichen Mehrheit geteilt werden kann. Und dazu muss man tatsächlich anderen zuhören und sie reden lassen.




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Dokument erstellt am 2017-09-05 16:45:08



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