• vom 04.05.2012, 17:59 Uhr

Leitartikel

Update: 04.05.2012, 18:46 Uhr
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Spannende Zeiten


Von Walter Hämmerle

Walter Hämmerle.

Walter Hämmerle. Walter Hämmerle.

Sagen wir es so: Die Europa-Fahne hatte Seltenheitswert bei den Massenkundgebungen der vergangenen Wochen in Paris und Athen. Optisch die Oberhand hatten die Tricolore in Frankreich und die blau-weißen Fahnenmeere in Griechenland. Wenn es eine Gemeinsamkeit zwischen den beiden Wahlen gibt, so waren es höchstens die roten Fahnen der diversen Linksparteien. (Dass sich, das nur nebenbei, ausgerechnet Hellas mit dem Slogan "Freiheit oder Tod" als nationalen Wahlspruch schmückt, passt zur verqueren Logik dieser "Großen Erzählung", die sich stellvertretend für den Kontinent hier ereignet.)

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Früher hieß es, die Geschichte werde von den Siegern geschrieben. Ob dies heute noch von Wahlsiegern behauptet werden kann, ist zweifelhaft. Die rhetorischen Gräben, die in jedem Wahlkampf ausgehoben werden, sind nur noch ein Taschenspielertrick, die Illusion realer Handlungsalternativen vorzugaukeln.

Nicht, dass Politik grundsätzlich keine Wahlmöglichkeiten mehr hat. Sie hätte, wenn sie denn wollte. Allerdings muss sie zu diesem Zweck akzeptieren, dass erstens der Nationalstaat als relevante Arena ausgedient hat und zweitens die Gesetzmäßigkeiten der Grundrechenarten auch für Politiker gelten. Deshalb wird auch François Hollande - im Fall seiner Wahl - Europa keinen neuen Kurs verordnen, sondern allenfalls Details des europäischen Fiskal- und Wachstumspakts neu gewichten.

Viel spricht ohnehin dafür, dass die wirkliche Richtungswahl für Europa nicht in Paris stattfindet, sondern in Athen. Sollten die Wähler im südöstlichsten Zipfel des Kontinents einer Parteienkoalition an die Macht verhelfen, die lieber auf den Euro verzichtet, als sich weiterhin dem als Spardiktat empfundenen Vorgaben Brüssels zu unterwerfen, drohen der Gemeinschaft höchst spannende Zeiten.

Der Euro nach dieser Krise hätte mit dem davor nur noch den Namen gemein. Ein Austritt Griechenlands droht eine Kettenreaktion auszulösen, die Portugal, Spanien, eventuell auch Italien mit sich reißen könnte. Ähnlich dramatisch wären die Folgen in Griechenland selbst. Das nächste Kapitel der europäischen Einigung wird diesen Sonntag - und in den darauf folgenden Tagen und Wochen - in Athen geschrieben.

Spannende Zeiten. In China gilt das bekanntlich als Fluch.




Schlagwörter

Frankreich, Griechenland, Europa, Euro

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-05-04 18:05:10
Letzte Änderung am 2012-05-04 18:46:59


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