• vom 21.06.2012, 17:53 Uhr

Leitartikel

Update: 21.06.2012, 18:09 Uhr
  • Artikel
  • Kommentare (3)
  • Lesenswert (6)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Leitartikel

Hoffentlich wahnsinnig


Von Walter Hämmerle

Walter Hämmerle.

Walter Hämmerle. Walter Hämmerle.

Also doch unzurechnungsfähig. Im Prozess gegen Anders Behring Breivik hat sich die norwegische Staatsanwaltschaft dafür entschieden, die Einweisung des 33-jährigen Rechtsextremisten in eine psychiatrische Einrichtung zu beantragen.

Werbung

Natürlich hat die Frage "zurechnungsfähig oder nicht?" viel mit den Besonderheiten des norwegischen Strafrechts zu tun, das keine lebenslange Haft kennt. Im Kern geht es jedoch um die Deutungshoheit über die Tat Breiviks.

Ein geistig gestörter Massenmörder von 77 Menschen ist schließlich leichter zu ertragen als einer, der jahrelang gezielt und unentdeckt einen Terrorakt vorbereitete und ausführte; und der mit diesem eine politische Botschaft verbindet, die einer Kriegserklärung an die bestehende Gesellschaftsordnung gleichkommt. Die Taten eines Wahnsinnigen entziehen sich rationalen Erklärungsversuchen; ein krankes Hirn steht ohne vernünftigen Bezug zur Gesellschaft, die ringsherum ihren Alltag lebt.

Für den Fall der Zurechnungsfähigkeit Breiviks drängt sich dagegen die Suche nach all jenen Ursachen auf, die möglicherweise zu dieser Tat führten, sie zumindest begünstigten. Eine ganze Nation und ihr Selbstverständnis als tolerante, aufgeklärte Gemeinschaft sähe sich dabei mit bohrenden Fragen konfrontiert. Schließlich macht unser heutiges Verständnis von Schuld nicht nur den Täter für seine Tat alleinverantwortlich, sondern eben auch seine Familie, Nachbarn, Freunde, Arbeitskollegen - und am Ende eben das ganze, große Wir. Das alles fällt nun weg.

Indem die Anklage Breivik zum kranken Psychopathen erklärt, entzieht sie auch der behaupteten politischen Botschaft des Attentats die Grundlage. Schließlich stilisiert sich Breivik selbst als Mann mit Mission, der nicht nur durch sein Internetpamphlet, sondern eben auch durch seinen Massenmord eine politische Botschaft verkünden wollte. Hinter den Gittern der geschlossenen Psychiatrie reduziert sich das Gerede einer Weltverschwörung auf Kosten Europas auf den Wahn eines geisteskranken Einzelnen.

So gesehen verwundert es nicht, dass der Attentäter selbst am vehementesten gegen die drohende Verurteilung als unzurechnungsfähig ankämpft. Wer sich zum Terroristen berufen fühlt, will nicht als Wahnsinniger enden.




3 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-06-21 17:59:08
Letzte Änderung am 2012-06-21 18:09:45


Beliebte Inhalte



Reinhard Göweil Der G8-Gipfel, das war einmal das wichtigste diplomatische Treffen der mächtigsten Regierungschefs der Welt. Eigentlich sind es ja sieben...weiter

Walter Hämmerle. Wie soll eine liberale Demokratie - angenommen, bei Österreich handelt es sich um eine solche - mit Demonstranten umgehen...weiter

Reinhard Göweil Frankreich schreit auf und droht das EU-Mandat zum Freihandelsabkommen mit den USA zu blockieren. Es geht um den Medien- und Filmbereich...weiter

Walter Hämmerle. Sollte neben den Fidschi-Inseln tatsächlich auch das blockfreie Schweden, das ebenfalls gegen die Aufhebung des EU-Waffenembargos für Syrien kämpfte...weiter

Reinhard Göweil Die entspannteren Internet-Benutzer schrieben E-Mails an den US-Geheimdienst NSA, er möge ihnen doch die leider vergessenen Bankomat-Passwörter...weiter

Walter Hämmerle. Österreich zieht seine 380 am Golan stationierten UNO-Soldaten ab. Dem internationalen Ansehen des Bundesheeres wird damit ein Bärendienst erwiesen...weiter

Walter Hämmerle. Sollte neben den Fidschi-Inseln tatsächlich auch das blockfreie Schweden, das ebenfalls gegen die Aufhebung des EU-Waffenembargos für Syrien kämpfte...weiter

Reinhard Göweil Die entspannteren Internet-Benutzer schrieben E-Mails an den US-Geheimdienst NSA, er möge ihnen doch die leider vergessenen Bankomat-Passwörter...weiter

Reinhard Göweil Das brutale Vorgehen der Staatsmacht am Taksim-Platz in Istanbul und die martialischen Töne von Ministerpräsident Erdogan zeigen...weiter

Walter Hämmerle. Viel Zeit bleibt nicht mehr, ein klein wenig aber doch noch. Sowohl Kanzler Faymann als auch Vize Spindelegger haben sich in der Frage eines neuen...weiter




Werbung




Ein Fahrrad an einer Kreuzung mitten im 9. Bezirk war der etwas ungewöhnliche Rastplatz für ein Bienenvolk.

Guten Tag, Lubango! Der Giraffen-Junge kam am Samstag, 15. Juni, zur Welt. 18.6.2013: Heute herrscht in Österreich wieder Badewetter: Über 35 Grad Celsius werden erwartet.

Kunstraub der anderen Art: Von einer Hauswand  in London ausgemeißelt wurde im Februar das Banksy-Graffitikwerk "Slave Labour". Kurz darauf tauchte es bei einem Auktions-Haus in Miami in Florida wieder auf. Am 2. Juni wiederum wurde es trotz Proteste um 1,1 Millionen Dollar in London versteigert. Das Kulturbild der Woche geht nun für zwei Wochen auf Urlaub und ist am 24.Juni wieder zurück. Ein frömmelnder Heuchler schleicht sich in das Vertrauen eines alten Patriarchen und versucht, sich alles anzueignen, was diesem teuer ist: Frau, Haus und Tochter. Abgespielt hatte sich das Ganze in der Wohnküche eines Landhauses, auf den Brettern des Akademietheaters. Im Bild: Gert Voss (r.) als "Orgon", Edith Clever (m.) als "Dorine" und Adina Vetter als "Marianne".

Werbung