• vom 12.10.2012, 16:07 Uhr

Leitartikel

Update: 12.10.2012, 16:19 Uhr
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Wir sind Friedensnobelpreis


Von Reinhard Göweil

Reinhard Göweil

Reinhard Göweil Reinhard Göweil

Die Reaktion in den Online-Foren zeigt, dass die Entscheidung aufregt. Ganz Europa diskutiert die Frage, was dies zu bedeuten habe, ob der Friedensnobelpreis zu Recht an die Europäische Union vergeben wird und wer ihn für die EU wohl in Empfang nehmen wird. Brüssel freut sich, eher säuerlich ist die Freude bei David Cameron. Die Entscheidung in Oslo hat eines geschafft: Die krisengebeutelte und von Nationalisten bedrohte EU betrachtet sich als Einheit.

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Allein dafür gebührt dem Nobelpreiskomitee ein Nobelpreis. Der Preis hat eine Debatte in Schwung gebracht, die durch den Euro verschüttet wurde: Wer und was sind wir eigentlich in der Europäischen Union?

In den vergangenen Jahren schien die Frage beantwortet: Schuldenmacher, ein zerstrittener Haufen, ein Koloss auf tönernen Füßen. Nun wird Europa mit einer Entscheidung auf das zurückgeführt, was es tatsächlich ist: ein Völker verbindendes Projekt.

Völkerverbindung, das bedeutet: keine Grenzen, keine Schranken und Bedrohungen für niemanden. Oder: Freiheit. Die EU ist als Gründungsidee zweifellos auf Augenhöhe neben die amerikanische Unabhängigkeitserklärung zu stellen. Dort wird als "unveräußerliches Recht" das "Streben nach Glück" (pursuit of happiness) festgeschrieben.

Nichts weniger steht den europäischen Bürgern zu. Die USA haben gezeigt, dass es für den Fortschritt gemeinsamer Ideale bedarf. Pragmatismus mag im Tagesgeschäft klug sein, als Strategie wirkt er konservierend. Der Nobelpreis hat das Ideal Europa wieder gereinigt, das durch die Euro-Krise stark verschmiert wurde.

Der Preis wird die europäische Politik beeinflussen. Wenn sich Regierungschefs, Finanzminister, Innen-, Justiz- und Sozialminister nun treffen, werden sie die Frage gestellt bekommen: Entspricht der Beschluss dem europäischen Ideal? So mancher Politiker wird sich in den kommenden Monaten anhören müssen, er/sie solle seinen/ihren Anteil am Friedensnobelpreis in Oslo zurückgeben. Das sind dann Schlagzeilen, die es auch in die Boulevardmedien schaffen - Politiker werden vorsichtiger werden.

Die Entscheidung mag umstritten sein, sicher ist: Sie wirkt befruchtend für die Idee Europa, die am Ende des Tages (wie die US-Unabhängigkeitserklärung) in eine Verfassung mündet, unter der sich alle Bürger versammeln. Ohne Nation.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-10-12 16:14:07
Letzte Änderung am 2012-10-12 16:19:00


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