• vom 24.10.2012, 18:15 Uhr

Leitartikel

Update: 24.10.2012, 18:35 Uhr
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Vielleicht ungerecht, aber real


Von Walter Hämmerle

Walter Hämmerle.

Walter Hämmerle. Walter Hämmerle.

Österreich ist - in all seiner abstrakten Gesamtheit - eine Herausforderung, vor allem in mentaler Hinsicht.

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Wer sich regelmäßig im Ausland bewegt, für den ist überdeutlich, wie gut dieses Land funktioniert. Nicht immer und schon gar nicht in jedem Bereich, und doch passt das Gesamtpaket. Um zu dieser Einschätzung zu gelangen, bedarf es keiner emotionalen Gefühlswallung angesichts des anstehenden Nationalfeiertags, dazu genügen nüchterne Fakten vollauf.

Warum dann aber dieser Frust, diese Verzweiflung an den typisch österreichischen Umständen? Zu glauben, dabei handle es sich um die Hirngespinste ewiger Nörgler, wie sie nun einmal in Redaktionsstuben und Wissenschaftstürmen zu finden sind, wäre eine kolossale Fehleinschätzung. Der Unmut ist real, man kann ihn überall antreffen, wo mehr als zwei zusammensitzen und über Politik diskutieren.

Das mag ungerecht sein. Aber wenn von der Wirtschaft behauptet wird, diese sei zu 50 Prozent Psychologie, so trifft das auf die Politik im gleichen Maße zu. Mindestens. Indem die Parteien stets bereit sind, den Untergang - für die Jungen, die Pensionisten, den Mittelstand, die Pendler, die Hackler und die Bauern sowieso - an die Wand zu malen, verflüchtigt sich, was auch nur entfernt an Zuversicht erinnern könnte. Mutmacher sehen anders aus.

Die Ratlosigkeit, wie dem Frust zu begegnen sein, hilft ebenfalls den Widerspruch zwischen gemessenem Wohlstand und gefühlter Unzufriedenheit zu erklären. Die Vorschläge reichen vom Radikalumbau des politischen Systems bis zur Einschätzung, man müsse die (eigene) Politik lediglich besser kommunizieren. Wer so zwischen Extremen pendelt, weiß nicht wirklich, wo die Lösung liegt.

Vielleicht ist es ja auch so, dass die Tatsache unseres absoluten Wohlstands tödlich für den Ehrgeiz der Politiker ist. Die Rede ist von diesem unbedingten Willen, Bestehendes zum Besseren zu verändern, nicht vom Augenmerk auf das eigene Fortkommen. In einem komplizierten behäbigen System stellen sich Erfolge nur mit großer Zeitverzögerung ein. Die Früchte jetziger Reformen fallen dem eigenen Nachfolger in den Schoß. Das wiederum ist für Politiker eine mentale Herausforderung, schließlich sind sie vieles, aber in den seltensten Fällen Altruisten. Und das ist ein Problem.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-10-24 18:20:04
Letzte Änderung am 2012-10-24 18:35:43


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