• vom 23.11.2012, 14:24 Uhr

Leitartikel

Update: 23.11.2012, 14:45 Uhr

Reinhard Göweil

Die Sezession Europas




  • Artikel
  • Kommentare (7)
  • Lesenswert (6)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Reinhard Göweil

  • Leitartikel

Als bei den EU-Budgetverhandlungen die Regierungschefs bereit waren, das im Juni verabschiedete Wachstumspaket abzuspecken, um Geld für Landwirtschaft freizuschaufeln, sollte es klar gewesen sein: Der Europäische Rat, gemeinhin als "EU-Gipfel" bezeichnet, ist als Entscheidungsgremium gescheitert. Dahinter steckt natürlich das Scheitern des Nationalstaates, der keine Ideen mehr bietet, wie die Herausforderungen der Zukunft bewältigt werden können. 25 Millionen Arbeitslose, darin ein beängstigender Anteil von Jugendlichen. Europas Problem geht über das bis 2020 geplante Budget hinaus. Immer mehr Regierungschefs haben selbst ein Legitimationsproblem: Spricht David Cameron auch für Schottland, das sich vom Vereinigten Königreich abspalten möchte? Spricht Spaniens Mariano Rajoy auch für Katalonien, das nun wählt und ebenfalls Sezessionstendenzen zeigt? Spricht Belgiens Elio Di Rupo für Wallonen und Flamen? Für welchen Teil Italiens steht Mario Monti?

Reinhard Göweil

Reinhard Göweil Reinhard Göweil

Die innenpolitischen Zerreißproben machen es nationalen Regierungschefs immer schwieriger, Beweglichkeit zu zeigen, Kompromisse werden immer schwieriger und brüchiger. Europa muss sich neu erfinden, wenn es in der Welt eine Rolle spielen möchte.

Werbung

Der im Verlauf der Euro-Krise neu aufgetretene Sezessionismus hat nicht nur mit extremistischen Lokalpolitikern zu tun. Er ist auch Ausdruck einer sich verfestigenden Meinung, dass der Nationalstaat ohnehin nur noch in der jeweiligen politischen Klasse existiert. Mehr als 250.000 Studierende überwinden mittels Erasmus auch beim Lernen nationale Grenzen. Die Wirtschaft ist längst supranational: Wenn der französische Autobauer Peugeot Absatzprobleme hat, wird in der Slowakei ein Werk zeitweise geschlossen. Wie sollen solche Entwicklungen national gelöst werden?

Weiterwurschteln, lautet das EU-Motto der Regierungschefs. Immer mehr Bürger versagen diesem Weiterwurschteln aber die Gefolgschaft - und ziehen sich gedanklich auf ihre jeweilige Region zurück. Für schottische und katalanische Politiker bietet das die Möglichkeit, das Thema Loslösung zu spielen. Europa gerät in einen Teufelskreis: In den EU-Institutionen wird es noch stärker quietschen; noch mehr Bürger werden sich von der Idee eines vereinten Europas verabschieden - weil viele Regierungschefs so tun, als wären sie die Union. Sie sind es nicht.




7 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2014
Dokument erstellt am 2012-11-23 14:29:03
Letzte Änderung am 2012-11-23 14:45:06


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Die Folgen der Sanktionen gegen Russland
  2. An meine Völker
  3. Wien + NÖ = 1
  4. "Dass es einer Sau graust"
  5. Die Lederhose ist Kummer gewöhnt
Meistkommentiert
  1. Der Irrtum der Pali-Versteher
  2. Den Bogen überspannt
  3. Die nahöstliche Verschärfung
  4. 69 Jahre SPÖ-Regierung sind genug für Wien
  5. Weil es hässlich ist!

Werbung




Das Polizeiaufgebot am Einsatzort war mit weit mehr als 1.000 Beamten enorm. Da die Besetzer den Hauseingang massiv verbarrikadiert hatten, gab es für die Exekutive vorerst kaum ein Weiterkommen.

28.7.2014 - Der Morgen danach. In Kalifornien haben Feuerwehrleute am Wochenende wieder einmal gegen massive Waldbrände ankämpfen müssen. Rund um den Yosemite Nationalpark und in den Ausläufern der Sierra Nevada kam es zu großen Schäden und umfangreichen Evakuierungen. Ko Murobushi unterrichtet beim Impulstanz die japanische Tanzform Butoh.

Seit Oktober erreichten allein aus Mittelamerika mehr als 57.000 unbegleitete Kinder die Grenze. Sie fliehen vor Gewalt, Kriminalität und schlechten wirtschaftlichen Aussichten in ihren Heimatländern. Freie Bahn für Ebbe und Flut: Zum Klosterfelsen Mont-Saint-Michel gelangen Besucher künftig über eine Stelzen-Brücke des österreichischen Architekten Dietmar Feichtinger. Link: <a href="http://www.ot-montsaintmichel.com/index.htm" target="_blank"> Mont-Saint-Michel </A>

Werbung