• vom 27.11.2012, 15:42 Uhr

Leitartikel

Update: 27.11.2012, 15:54 Uhr
  • Artikel
  • Kommentare (6)
  • Lesenswert (13)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Leitartikel

Die Wertvernichtungskette


Von Reinhard Göweil

"Wie lange greifen Europäer noch zu 10-Euro-Jeans, obwohl sie wissen, dass die Allerärmsten in Asien oder Lateinamerika einen hohen Preis dafür zahlen, mit ihrer Gesundheit oder ihrer Menschenwürde?", fragte der deutsche Präsident Joachim Gauck wenige Tage, bevor in Bangladesch 110 Menschen beim Brand einer Textilfabrik qualvoll ums Leben kamen.

Reinhard Göweil

Reinhard Göweil Reinhard Göweil

Wie sieht so eine Fabrik aus? 1000 Menschen in einem neunstöckigen Gebäude zusammengepfercht; Nähmaschinen in endlosen Reihen, die auch Ausgänge verstellen, vergitterte Fenster, dazu der beißende Geruch von Textilchemikalien, auf dem staubigen Boden mit Textilabfällen spielende Kinder.

Werbung

Bangladesch ist zum größten Textilexporteur der Welt aufgestiegen. Billige Baumwolle (aus Monokulturen) und noch billigere Löhne. Alle europäischen Textilketten kaufen hier ein - die deutschen jährlich um 3 Milliarden Euro - und machen hier folgende Angebote daraus: Bubenhosen um 2,99 Euro, Jeans um 6,99 Euro, Fleeceshirts um 6,49 Euro.

Gemeinsam mit den Opfern in Bangladesch stirbt freilich auch die Wertegesellschaft Europa. Hervorgerufen durch einen Kapitalismus, der im wahrsten Sinn des Wortes gierig, billig und schäbig geworden ist. Es verdienen daran asiatische Fabrikbesitzer, internationale Markenartikler und westliche Konsumenten. Es verlieren die Menschen, die in solchen Fabriken arbeiten, und die Natur. Der Anbau von Baumwolle zählt zu den größten Zerstörern von Ackerfläche. Dafür können sich die aller Bildungschancen beraubten Tagelöhner noch als systemgefährdende "Prolos" bezeichnen lassen.

Und weil die Lebenshaltungskosten in Europa dank Globalisierung so billig geworden sind, können auch hier die Löhne gesenkt werden. Süßer die Glocken nie klingen, denken sich manche Chefökonomen. Sie errechnen, dass zwar die Haushaltsnettoeinkommen sinken, aber die "frei verfügbaren Einkommen" dadurch praktisch unverändert sind - alles Roger in Kambodscha, funken sie den Konsumenten.

Das Erschreckendste an dieser Wertvernichtungskette: Sie funktioniert. Selbst wenn noch einmal hunderte Arbeiterinnen und ihre Kinder bei "Tazreen Fashion Limited" verbrennen, wird sich in Österreich nichts ändern. Die Bubenhose um 2,99 Euro wird in Österreich auch heuer, fesch verpackt, unter dem Christbaum liegen. Still wird die Nacht nur in Bangladesch sein.




6 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-11-27 15:47:06
Letzte Änderung am 2012-11-27 15:54:47


Beliebte Inhalte



Walter Hämmerle. Die Nachricht von der Bespitzelung kritischer US-Journalisten durch die Obama-Administration wurde in den meisten europäischen Medien mit einem...weiter

Reinhard Göweil Großkonzerne wie Apple, Amazon oder Microsoft zahlen wenig bis gar keine Steuern. Die mannigfaltigen, völlig legalen Steuerausnahmen gepaart mit...weiter

Reinhard Göweil Der junge Mann, der an der Med-Uni Graz nicht jene Lehrveranstaltungen besuchen konnte, die ihm einen rascheren Studienabschluss ermöglicht hätten...weiter

Reinhard Göweil Die fünf Agrarkonzerne Monsanto, Pioneer, Syngenta, Limagrain und Bayer kontrollieren weltweit zirka 63 Prozent des Saatguts...weiter

Reinhard Göweil Die Rechnung von Grünen-Wirtschaftssprecher Kogler, dass am Ende des Tages zehn Milliarden Euro aus der "Bankenrettung" beim Steuerzahler hängen...weiter

Reinhard Göweil Die fünf Agrarkonzerne Monsanto, Pioneer, Syngenta, Limagrain und Bayer kontrollieren weltweit zirka 63 Prozent des Saatguts...weiter

Walter Hämmerle. Wenn vier Wahlgänge innerhalb weniger Wochen zu schlagen sind, ist es naheliegend, dass anschließend die große Suche nach Gewinnern und Verlierern...weiter

Reinhard Göweil Die Rechnung von Grünen-Wirtschaftssprecher Kogler, dass am Ende des Tages zehn Milliarden Euro aus der "Bankenrettung" beim Steuerzahler hängen...weiter

Reinhard Göweil Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle bezeichnete die mit 28 Prozent unverändert geringe Beteiligung an den Hochschülerschaftswahlen als...weiter

Reinhard Göweil Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel will einen einheitlicheren europäischen Arbeitsmarkt. Das hat zunächst recht egoistische Gründe...weiter



Werbung




Chondrocladia lyra, ein fleischfressender Schwamm, lebt über drei Kilometer tief im Pazifik vor der Küste von Kalifornien. Die Art wurde von der Universität von Arizona in Tempe (USA) für die Liste der skurrilsten Entdeckungen 2012 ausgewählt.

Nach 28 Jahren stießen Biologen auf eine unbekannte Affenart in Afrika: die Lesula-Affen. Sie leben versteckt in der Lomami-Region in der Dem. Rep. Kongo und wurden nun von der Universität von Arizona für die Liste der skurrilsten Entdeckungen 2012 ausgewählt. Nach Sony (PlayStaion 4) und Nintendo (WiiU) hat nun auch Microsoft seine Vision der zukünftigen Spielkonsolenwelt vorgestellt. Kinect Group Program Manager Scott Evans demonstrierte bei der Präsentation der "Xbox One" gleich einmal den neuen Kinect-Sensor, der nun nicht mehr als Zubehör erhältlich sein wird, sondern fix im Lieferumfang enthalten sein wird.

Mailands "neubabylonischer" Hauptbahhnhof Frankreich: Amandine Bourgeois - "L'enfer et moi"

Werbung