• vom 27.08.2013, 16:12 Uhr

Leitartikel

Update: 27.08.2013, 16:26 Uhr

Wirtschaftspolitik

Der falsche Vergleich




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Von Reinhard Göweil

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Chefredakteur Reinhard Göweil.

Chefredakteur Reinhard Göweil. Chefredakteur Reinhard Göweil.

Bei den Alpbacher Wirtschaftsgesprächen fragte sich Industrie-Präsident Georg Kapsch, ob unsere Gesellschaft den Weg von Freiheit und Selbstverantwortung oder von Bevormundung und Abhängigkeit gehen wolle. Das klingt gut, ist aber der falsche Vergleich. Wer will schon bevormundet werden? Niemand. Wer will in Freiheit leben? Alle. Das hat aber mit Wirtschaftspolitik nichts zu tun, denn der Vergleich impliziert, dass der sorgende Staat wie ein Kokon die freie Entwicklung des Menschen behindere. Wahr ist vielmehr das Gegenteil. Die sozialen Netze haben in diesen Krisenjahren entscheidend mitgeholfen, den Wohlstand zu sichern. Selbstverantwortung ist für junge Menschen, die sich kaum aus prekären Beschäftigungsverhältnissen befreien können, ein relativer Wert. Diese Selbstverantwortung liegt im Moment eher auf Seiten der Industrie - und sie wird ihr nicht gerecht.

Die Realeinkommen stagnieren, Inflation und kalte Progression fressen die Lohnerhöhungen wieder auf. Es wäre daher durchaus angebracht, sich bei der Herbstlohnrunde von der eher großzügigen Seite zu zeigen, doch davon kann keine Rede sein. Die von Kapsch befeuerte Diskussion zur Arbeitszeit-Flexibilisierung bedeutet - so wie der Vorschlag auf dem Tisch liegt - den Entfall von Überstundenzahlungen. Was die Realeinkommen wohl kaum erhöht.

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Umgekehrt muss sich die Politik fragen, warum sie mit der Industrie so salopp umgeht. Um die Innovation in der Wirtschaft zu erhöhen, braucht es von der Politik noch klarere Konzepte. In den Städten werden die Industrie-Arbeitsplätze der Zukunft entstehen - Technologie und Datenleitungen machen das möglich. Wer also wettbewerbsfähig sein will, muss sich fragen, ob beispielsweise Wien diese Infrastruktur auch vollwertig anbietet. Der ländliche Raum muss die Kleinunternehmen unterstützen, auch dafür braucht es Infrastruktur. Stattdessen wird wirklich viel öffentliches Geld in die Agrarförderung gesteckt.

Wenn Kapsch also von Bevormundung spricht, sollte er fragen, warum so viel Geld in Subventionen gesteckt wird statt in Bildung, Entwicklung und Forschung. Hier entsteht Abhängigkeit. Trotzdem wird diese Debatte kaum geführt. Wenn der Wirtschaftsstandort Österreich seine Qualität behalten soll, wird es aber notwendig sein, hier die Reformen anzusetzen. Arbeitszeit-Diskussionen helfen nicht nur nicht weiter, sondern setzen den Hebel auch am falschen Punkt an.




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Dokument erstellt am 2013-08-27 16:14:04
Letzte Änderung am 2013-08-27 16:26:00



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