• vom 03.03.2014, 07:48 Uhr

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Update: 03.03.2014, 07:55 Uhr

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Russlands "EU"




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Von Reinhard Göweil

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Chefredakteur Reinhard Göweil.

Chefredakteur Reinhard Göweil. Chefredakteur Reinhard Göweil.

Der kaltschnäuzigen Machtdemonstration Putins gegen die Ukraine steht der "Westen" eher hilflos gegenüber. Französische oder britische Soldaten, die ohne Vorwarnung auf der Krim landen und ohne jedes Erkennungszeichen ukrainische Infrastruktur bewachen? Undenkbar. Was nun passiert haben viele Politiker im Westen längst erkannt: Putin geht es um die Bildung einer schlagkräftigen "Eurasischen Union". Sie soll 2015 starten, für sie arbeiten in Moskau mehr als 1000 Experten, und sie soll 2022 in einem gemeinsamen Währungsraum münden. Mit dabei sind neben der Führungsmacht Russland noch Kasachstan und Weissrussland. In die zentralasiatischen "-stan-Republiken" strahlt diese "andere EU" bereits aus, die dortigen Öl- und Gasvorkommen spielen im Plan Putins eine große Rolle. Hillary Clinton hat noch als US-Außenministerin darauf hingewiesen, dass dies bloß die Neuerschaffung der Sowjetunion sei. Die Ukraine, mit ihren Ressourcen, der Industrie und einer gut ausgebildeten Bevölkerung, spielt dabei einen extrem wichtigen Part.

Die "Eurasische Union" wäre der russische Wirtschaftsblock zwischen dem "Westen" und China. Und mächtiger als die EU, denn Russlands Militär würde wohl eine gemeinsame Sicherheitspolitik anführen. Dieser Arm fehlt der Europäischen Union völlig. Mit einer voll ausgebildeten Eurasischen Union wäre die EU – auf Basis der jetzigen Warenströme – bei etlichen Rohstoff- und Energiesparten von Moskau abhängig. Und dass Putin als "Zar des 21. Jahrhunderts" in die russische Geschichte eingehen will, hat spätestens Sotschi gezeigt.

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Auf Basis all dieser Informationen versuchte die EU, die Ukraine mit einem Assoziierungsabkommen auf ihre Seite zu ziehen. Leider sagte Brüssel davon kein Wort.

Putin will die Welt neu aufteilen, und für sich und Russland eine dicke Scheibe davon abschneiden. Mit seinem Coup auf der Krim kam er dem Ziel ein Stück näher. Denn nicht nur Europa und die USA sind aufgeschreckt, auch China. Das mächtige Land im Osten der kommenden "Eurasischen Union" will kein allzu starkes Russland in der Region haben, und legte sich nun auch (genau wie die NATO) auf die "territoriale Unversehrtheit" der Ukraine fest. Wenn niemand eine kaum beherrschbare militärische Konfrontation will, läuft alles auf eine Patt-Situation hinaus.

Auf der Krim liegt Jalta…

Und einer dann wohl unausweichlichen Konferenz, die – welch ein Treppenwitz – auf der Krim bestens bekannt ist. Im Februar 1945 teilten im dortigen Badeort Jalta Roosevelt, Churchill und Stalin die Welt neu auf – Hitler-Deutschland und das verbündete Japan waren zu diesem Zeitpunkt de-facto besiegt. 2014 ist China ein wesentlicher Wirtschafts-Raum, die EU und die USA sind es auch – nun drängt Russland als Dritter dazu.

Der als Geheimdienstler im "Kalten Krieg" politisierte russische Präsident Putin könnte sich trotzdem verrechnet haben.
Denn er hat die Reaktion der Völker der "Eurasischen Union" nicht auf seiner Rechnung. Die haben zunehmend die Schnauze voll von Korruption, gefälschten Wahlen und der unfassbar ungleichen Verteilung der Profite. Es ist heute praktisch unmöglich, die Menschen von Information und Wissen fernzuhalten – das Internet mag überwacht werden, es kann aber nicht abgeschafft werden. Putins Vasallen sind aber gleichzeitig seine Achillesferse. Lukaschenko in Weißrussland mag für Moskau bequem sein, für sein Volk ist er ein übel. Trotz der unüberblickbaren Größe des Landes könnten auch die Kasachen draufkommen, dass der Bodenreichtum des Landes eher wenigen zu gute kommt. Die Menschen sehen den Wohlstand Europas und fragen sich: Warum nicht auch wir? Die Ukrainer haben die Frage gestellt. Panzer sind die falsche Antwort darauf, das weiß wohl auch Putin. Hoffentlich.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2014-03-03 07:53:06
Letzte ─nderung am 2014-03-03 07:55:25



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